5:00 | Bahnhof

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Ich kam an. Was ich zuerst sah: Einen Bahnhof. Was ich zuerst berührte: Mit den Schuhen den Bahnsteig. Was ich zuerst schmeckte: Die sturmgepeitschte Abendkühle, frisch und klar und mit einer Note unnötiger Dramatik.

Ich stand also auf einem Bahnsteig. Dieser Bahnsteig konnte nur über eine Rolltreppe verlassen werden. Sie führte hinauf. Warum wurde ich erst hinauf geführt und danach erst hinaus? Ich bestieg die Rolltreppe. Ohne mich körperlich anstrengen zu müssen, gelangte ich hinauf. Da war ein gläserner Steg. In zwei Richtungen führte er über die Gleise. Die Architektur war wohl wohldurchdacht. Ich wurde geleitet. Der Steg führte zu einer nächsten Rolltreppe und diese Rolltreppe führte mich hinab und als ich hinab geführt war, konnte ich durch eine Tür hinaus gehen und war endlich da: in Wels.

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Einige Tage später kehre ich zurück. Es ist vor fünf. Im Morgen liegt noch die Kälte der Nacht meiner Ankunft. Auf dem Bahnhofsvorplatz spiegelt sich der Bahnhofvorplatz in den ihn umgebenden Glasfassaden. Alles hier ist Glas, ein multifunktionaler Geschäfts- und Dienstleitungskomplex mit angeschlossenem Kompetenzzentrum. Bahnhof als Wort reicht dafür nicht aus. Vom Bahnhof, dem ursprünglichen, ist nichts zu erahnen. Blaue Wolken treiben vorbei. Am Rundverkehr haben Energiezellen Energie in Wasserstoff gespalten und versorgen so die Lampen mit Energie, die in buntes Leuchten umgesetzt wird.

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Im Komplex die Wärme wie eine gutmütige Barriere, die das unwirtlich kühle Draußen vom behaglichen Drinnen schützt. Kaum ist Lärm von sich öffnenden automatischen Schiebetüren zu hören, weil kaum Menschen schon wach sind, die in der Frühe durch diese Schiebetüren schreiten wollten.

Die aus der Nacht Gefallenen lehnen gegeneinander. Ein letzter Rest Kraft ist noch in ihren zertanzten Körpern. Dieser Rest wird sie mit dem ersten Zug des Morgens in ihre Betten zurückbringen. Eine von ihnen im kurzen weißen Kleid und einer Federboa um den Hals schaut mit glasfarbenen Augen zu mir. Es braucht einen Moment, bis ich ihren Blick begreife. In meiner Hand ein Foto, ein reaktionärer Apparat, weil er nur eine Funktion kennt: Er soll der Wirklichkeit einen Moment entnehmen. Klumb und klotzig ist dieser Apparat, vielleicht irritiert sie auch das, vielleicht kennt sie keine Fotos mehr, vielleicht nur Selfies. So schaut sie und schaut, ihr Blick wickelt sich um den Apparat, sie tritt aus dem Kreis jener, mit denen sie die Nacht verbracht hat und öffnet ihren Mund, Glitzer auf der Zunge, Sternenstaubküsse geworfen in den neonfarbenen Stunden und ihre Stimme transparent, so dass das Morgenrot widerspruchslos hindurchgleitet, fragt sie: »Bist du ein Trainspotter?«

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Ich, einen koketten Moment lang zögernd, nicke, denke, ja, ein Trainspotter würde ich sonst sein wollen, am Ende des Bahnsteigs stehen und ankommende Züge protokollieren und warten, immerzu Reisende sehen, Zugfahrer und Schaffner, in Schlafwagons linsen, sich in abgrundtiefer Verzweiflung verabschiedende Paare sehen, wieder glücklich vereinte Liebende, Eltern, die ihre Kinder auf Ausflüge ans Meer schicken, Enkel, die ihre Großeltern begrüßen, solche zauberhaften Geschichten, die wenigsten nur tragisch.

Während ich in Gedanken am Ende des Bahnsteigs stehe, umkreisen uns zwei Securityleute, ein blaues Doppel, das für unsere Sicherheit sorgen soll und scharf ist auf meine Gedanken. Das Glitzerzungenmädchen äugt weiter, doch weil ich keinen von meinen Gedanken laut ausspreche, kehrt sie zurück in den Kreis der Ihren. In den Lautsprechern über uns ein Knacken, als wenn eine Nadel aus der letzten Rille einer Vinylplatte springt und eine Ansage wird gemacht, Salzburg, Linz, die Nachtschaffenden geleiten sich, ein letztes Mal an diesem Morgen aufgekratzt, zu Bahnsteig drei oder vier.

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Erneut laufe ich auf dem gläsernen Steg, der über die Gleise führt, Gleise, die die Stadt ja in zwei gleichwertige Hälften teilt, alt und neu sind diese Hälften und du gelangst nur dahin, wenn du eine Überführung benutzt oder einen Tunnel. Ein Güterwagon mit auf den Rücken geschnallten Holzstämmen rauscht unter meinen Füßen, es donnert, es zittert. Zwei Reisende, Mutter, erwachsener Sohn hieven schwere Koffer die Rolltreppe hinauf. Laut und ewig ist das Geräusch, mit dem sich der große Zeiger des Ziffernblattes der Bahnhofsuhr vorwärts wuchtet.

Beim Bäcker Bewegung, Backwaren werden vorbereitet, Aufbackbrötchen in den Backofen geschoben. Noch läuft die Maschine hier in Notbesatzung, die Regulären am Aufstehen, die Reinigungskräfte, die Zugbegleiter, das Servicepersonal, die Zeitschriftenverkäufer erst auf dem Weg zum Bahnkomplex. Doch die, die hier sind, kennen wie Traumwandler sicher die Wege. Die Lichter, die jetzt brennen, sollen nutzen, nicht verkaufen.

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Ein Bahnhof lässt nur zwei Zustände zu: Ankunft oder Abfahrt. Der Bahnhof war das erste gewesen, was ich von Wels gesehen habe und der Bahnhof würde das letzte sein, was ich von Wels sehen werde. Jeden Tag kommen Menschen so wie ich in Wels an diesem Bahnhof an. Jeden Tag verlassen Menschen Wels mithilfe dieses Bahnhofs. Wird sich diese Zahl am Ende ausgleichen? Reisen genauso viele Menschen ab, wie ankommen?

Sehr wahrscheinlich nicht. Unweigerlich muss eine Differenz entstehen, ein Überschuss vielleicht, eine Unwucht jedenfalls. Entweder wächst die Stadt oder sie schrumpft. Was machen die Menschen, die an-, aber nicht abreisen? Wo verbleiben sie? Was tun sie? Worin liegen die Gründe ihres Nichtsabreisens? Was geschieht mit den Orten, an denen alle jene gelebt haben, die abreisen, aber nicht angekommen waren? Gehen dahin die Neuankömmlinge? Gibt es geheime Absprachen zwischen ihnen? Reguliert jemand diese Zahl? Die Bahn selbst, durch Zugausfälle?

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So gesehen ist es der Bahnhof, der mir höchst beunruhigend erscheint. Er trägt zu einem Ungleichgewicht bei. Von hier aus würde alles ins Wanken geraten. Chaos steht an, im besten Fall nur nicht gelöste Geheimnisse. Was geschieht mit den Menschen, die den Welser Bahnhof nutzen? Warum kommen sie, warum gehen sie? Und wenn ich jetzt einer von ihnen bin, warum kann ich diese Fragen dann nicht beantworten?

Ich werde Worte finden müssen für all diese Rätsel. Auch Widerworte. Auch falsche Worte. Auch Worte, die beschönigen. Auch Worte, die verheimlichen. Auch Worte, die offensichtlich lügen. Auch Worte, die ganz sicher banal sind. Worte, die mich offenbaren. Es wird meine Aufgabe sein, Worte zu finden. Aufgeben kann ich nicht. Ansonsten hätte ich nicht ankommen müssen.

Ein Schatten erscheint, für einen Moment nur, ein geisterhafter Schemen aus Licht an diesem Morgen. Ezra.

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