6:00 | Traun

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Die Traun fließt. Das muss sie auch. Sie ist ein Fluss. Flösse sie nicht, wäre sie kein Fluss. Sie wäre ein See. Aber so ist alles gut. Die Traun fließt. Die Welt ist in Ordnung.

Wie fließt sie denn, diese Traun? Ich muss sagen: Gerade ist ihr Fließen kaum wahrnehmbar. Gegen sechs Uhr am Morgen ist sie allein durch das in Bewegung, was sich in ihr spiegelt. Die Lichter des Promenadenweges, die tapfer und unbeirrbar selbst dann strahlen, wenn stundenlang niemand ihr Leuchten in Anspruch nehmen mag, verwischen auf dem Wasser. Diesen Flackern und Flirren zittert und flimmert und simuliert so eine gerichtete Veränderung. Manchmal treibt ein dünner Zweig durchs zurückgeworfene Leuchten, der gleich darauf von der Dunkelheit verschluckt wird. Wer wissen will, wie der Himmel aussieht, schaut aufs Wasser.

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Es muss beruhigend sein, an einem Fluss zu leben. Er wird da sein, am Morgen, am Mittag und am Abend. Die Stadt, die jetzt schläft, kann beruhigt zu Bett gehen, denn nach ihrem Schlaf wird der Fluss noch da sein und fließen, am nächsten Tag und dem danach und jenen, die folgen, jeden Tag dieses Fließen, die Unterschiede sind minimal. Der Fluss ist eine Konstante der Stadt, er kann Naherholungsgebiet sein, Touristenattraktion, Wirtschaftsfaktor, Natur, vernachlässigt, verhätschelt, beschleunigt, natürlich, kostümiert. Die Stadt legt fest, was der Fluss für sie sein soll.

Ich frage mich, ob es mehr Flüsse mit femininen Artikeln gibt als mit maskulinen. DIE Donau. DIE Lena. DIE Wolga. Oder doch der? DER Nil. DER Ob. DER Indus. Ich habe nachgeschaut. Von den fünfzig längsten Flüssen tragen nur sechs einen femininen Artikel. Ich frage mich, ob ein DER oder DIE vor dem Flussnamen mein Bild von dem Fluss ändert. Welche Eigenschaften ordne ich einem DER-Fluss zu, welche einem DIE-Fluss? Majestätisch. Unberechenbar. Gütig. Wild. Gemächlich. Friedfertig. Formvollendet. Unbarmherzig. Lauernd. Hinterhältig. Desinteressiert. Wie ist DIE Traun, jetzt gerade in diesem Moment?

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Still, möchte ich schreiben, denn still ist es um mich herum. Je leiser es ist, desto heftiger das Verlangen, die wenigen Geräusche zu beschreiben. Ein leichtes Plätschern, das in der Summe zu einem Raunen werden könnte. Die männlichen Singvögel, die sich streng an die Regeln der Vogeluhr halten – um diese Zeit hörst du das Rotkehlchen vielleicht, die Singdrossel und Mönchsgrasmücke, den Kleiber und den Goldammer, den Gartenbaumläufer, die Heckenbraunelle, den Zilpzalp und den Trauerschnäpper. Das Schlagen der Kirchenuhr, eher wie das Echo einer anderen Welt als Teil dieser. In der Stadt fuhrwerkt schon eine Maschine. Aber vergebens. Gegen die Stille der frühen Traun kommt sie nicht an.

Der Fluss, der durch meine Geburtsstadt ging, hieß Pleiße. DIE Pleiße. Als die DDR noch war, standen an ihrem Ufer Fabriken: Zweizylinderspinnereien, Färbereien, Textilbetriebe. Sie leiteten Abwässer in die Pleiße. So nahm das Wasser verschiedene Farben an. Jeder Tag brachte eine neue Farbe. Als ich klein war, war die Pleiße ein toter Fluss, ein leerer Fluss. Aber sie wechselte die Farben, sie war bunt.

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Es ist jetzt sechs Uhr am Morgen. Welche Farbe hat die Traun? Eine eigene Farbe hat sie nicht, die eingestaute Traun, zu dieser Zeit. Ein Spiegel ist sie ja. Die Welt wirft Abbilder von sich hinein, der Himmel zuallererst, eine schwarze Lache, die es nur allmählich zerreißt, so dass der purpurfarbene Morgen durchbrechen kann. Einzig das Landen der Enten zieht konzentrische Kreise auf dem Wasser.

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Mein Nachbar ist der lachende Kaan. Er hat einen Hund, Pluto. Pluto ist ein missgünstiges, boshaftes, dem Mensch feindlich eingestelltes Tier. Laufe ich am Zaun entlang, rennt er auf gleicher Höhe neben mir her und kläfft, reißt die Lefzen hoch, entblößt die anschlagbereiten Zähne, ein nutzloser Hass, weil weder ich das Grundstück betreten noch er mich beißen wird. Wir beide wissen das. Dennoch verhält er sich mir gegenüber maximal aggressiv.

Der lachende Kaan hingegen ist ein gutmütiger Mensch, der seinem Namen gemäß nur selten bekümmert ist. Wie er in Jogginghose die Steinplatten der Einfahrt zu seinem Anwesen mit einem schlangengrünen Schlauch abspritzt, sieht er mich und sagt: »Du bist neu hier.« Er sagt nicht: »Du bist fremd hier.« Ich nicke, er lacht, der feindliche Hund hasst.

In der Ferne ein Punkt. Mein zweiter Schatten kehrt zurück. In respektvoller Entfernung bleibt er stehen und wartet. Ich habe ihm nichts zu sagen. Auch er schweigt. Noch ist Ezras Stimme ungehört. Ein Wind kommt auf, zieht vom Wasser her. Der Fluss ist das Geräusch, das uns umgibt.

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