8:00 | Wochenmarkt

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Finger gleiten über Kräuterseitlinge und Petersilienwurzeln, Häuptelsalatköpfe und Jungzwiebeln, sie tasten sachte, sortieren vor, rupfen aus, wiegen, wägen ab. Sie packen an und wickeln ein, verstauen Fetakäse in mit Olivenöl aufgeschwemmten Plastikbehältern, lassen Melanzani in grüne Sackerl gleiten, Fingerspitzen tätscheln und vergleichen so.

Augen flitzen über Knollen, Paletten und Bündel, die Formen rund und eckig. Augen locken, flirrten, schöpfen aus der Pracht der Farben und gehen darin auf. Zungen lecken über hauchdünnes Glas, bekommen einen Tropfen zu fassen, Wein ist das, ein Tropfen Bratfett, wenn Zähne in das Hendln schlagen und das Fleisch vom Knochen reißen, es zerteilen und zerkleinern, bis ein Fleischbrei den Mund ausfüllt. Nasen saugen tief ein, Ohren hören die Kassa leise klappern, Geldstücke reiben aneinander, Zahlen fliegen umher, Preise, kurze Erläuterungen.

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Keine Frage: Hier geht es um die Sinne. Der Wochenmarkt. Früher ein Friedhof hängen heute auf dem Vorplatz die Kleidungstücke, die den Geruchsschwaden von Fleisch, Käse, Fisch und Kräutern nicht standhalten könnten, die Nietengürtel, grauen Bundfaltenhosen, Kappen und Mario-Götze-Trikots. Hunde kauern neben ihren Herrchen nieder, warten ergeben das Ende des Kaufvorgangs ab, wissen, für ihre Geduld winkt später ein Stück Schinken als Belohnung.

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Im Wochenmarktgebäude ist kein septisches Summen von Klimaanlagen zu hören, kein klinisches Supermarktkachelweiß zu sehen. Es ist Samstag am Vormittag und die Menschen haben Körbe bei sich, die sie gedenken zu füllen. Bevor sie füllen, wollen sie fühlen. Deshalb dieser Markt. Wenn neben dem geeisten Oktopus eine Zitrone auf dem Eis liegt, sticht schnell ein entzückend saurer Schmerz in die Zunge. Ein Phantomgeschmack. Und wie jeder seinen Stand findet, sein Stück Fleisch, seine geronnene Milch, seine geerntete Pflanze.

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Nur manche der Marktbesucher sind herausgeputzt, sind ebenso bunt wie die Tische voll von Gesundem, wenige förmlich, einige in lässigen Daunenjacken, die ganz unprätentiös nach hundert Euro ausschauen, aber das Fünffache gekostet haben werden, Damen und Herren mit Schals, exquisite Wochenmarktbekleidung, denn der Ort ist auch ein Laufsteg. Man sieht sich und wird gesehen, gegrüßt wird, man versichert sich dem anderen, Urteile werden gefällt, der andere eingeschätzt, man erinnert sich, auf die Sonne wird verwiesen, den endlich anbrechenden Frühling, die Enkel, die am Wochenende zu Besuch sind, die Radtour, die am Sonntag ansteht.

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Zwischen dem Vergewissern der Stadt quillt und quellt das Fleisch, es sabbert und strotzt, das Selchfleisch und das Surfleisch, die Maishendlflügel und Leberschädel, die Milchlammhälften und das Karree. Fleisch wird gehackt, geklopft, zerteilt, ein Messer schneidet durch einen Sulzblock. Frisch Faschiertes klatscht gegen die silbernen antibakteriellen Gefäße. Oliven schimmern wie seltene Perlen, der marinierte Knoblauch, die Balsamicozwiebeln, die eingelegten Artischockenherzen, die getrockneten Tomaten und Maulbeeren aus Usbekistan sind ausgelegt wie Kostbarkeiten. Hände graben in Kartoffelbergen, Heurige aus Cypern, Hände greifen, schnappen nach dem besten Exemplar, ganz unten im Berg, ein kleiner Goldschatz, gehoben und für gut befunden.

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Auf dem Wochenmarkt einzukaufen ist ein hochkomplexer, zeitenumspannender Vorgang. Die Gegenwart muss erfasst werden: Welche Angebote sind zu welchem Preis und zu welcher Qualität erhältlich? Auch die Zukunft muss kalkuliert werden: Welche Produkte werden bis zum nächsten Besuch auf dem Wochenmarkt gebraucht und müssen deshalb in welchem Umfang gekauft werden? Die Vorhersagen sind Ableitungen aus den Erfahrungen der Vergangenheit; dem Nahrungsverbrauch der Familie, ihrem Appetit, ihrem Hunger. All diese Informationen müssen bedacht, austariert und in Balance gehalten werden, bevor eine Kaufentscheidung fallen kann.

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Oder lässt man sich doch gehen? Ein Lustkauf vielleicht, ausgelöst von den Impulsen, den Spitzen, den der Geruch in die Sinne spickt, der Dynamik des Orts, plötzlicher Neid, plötzliche Gier, plötzliche Leidenschaft auf Ziegenkäse mit Kümmel, Bärlauch oder Saiblinge, die Berberitzen, Königsrosinen, Wolfsbeeren und kandierten Honigmelonen? Die Speckschwarte glänzt, die Fettränder glitzern, Fleisch lockt. Gleichmäßig hypnotisch drehen sich die Hendl auf den Stangen, die Haut wird zur Kruste, golden das Licht. Die aus der Nacht Gefallenen kommen nach der Nacht an diesen Ort und holen sich ein Hendl, um den Tag zu beginnen. Jetzt knabbern Familien an Stelzen, Kinder beißen in Krapfen größer als ihre Köpfe.

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Eines dieser Kinder steht an der Hand der Mutter vor dem Wasserbecken mit den schwimmenden Karpfen. Ein Karpfen wird dem Wasser entnommen und mit einem Holzstockschlag auf den Kopf in Sekundenteilen getötet. Gleich das Messer in den Bauch, geübte Finger ziehen die Eingeweide heraus, das Messer säbelt den Kopf ab, zerteilt den Leib, zwei Hälften entstehen so. In der Mitte bleiben die Gräten. Der Fisch, nun zwei Filets, klatscht zu den anderen Filets in die Theke, kann jetzt vom Wochenmarktbesucher erwählt, zubereitet und verspeist werden. Das Kind betrachtet diesen Vorgang, die Augen groß und neugierig, so ist Leben, so ist Tod, so geht Essen.

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Ezra steht bei Salzgurkenfässern, als hätte er das schon immer getan, feilscht und handelt aus, hat die Begriffe für die Fleischteile im Kopf, den Korb schon halb gefüllt, wandelt zwischen den Wochenmarktbesuchern, als wäre er ein Teil von ihnen, grüßt, als wäre er Jahre hier und wird begrüßt, als gehörte er wie selbstverständlich zum Wochenmarkt, diesem Samstag Vormittag, dazu.

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[Ergänzung: Es ist Tradition, nach dem Maturaball fünf Uhr in der Früh auf dem Wochenmarkt zu gehen und dort ein Brathendl zu essen.]

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