10:00 | Einkaufen

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Man sagt mir, Wels sei eine Stadt des Einkaufens. Also gehe ich einkaufen. Es ist nicht schwer, Geschäfte zu finden. Wie so oft sind gerade im Zentrum einige Einkaufsgelegenheiten gelegen. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Bevor ich euphorisch werden kann, ergänzt man – leicht melancholisch – dass es früher mehr Gelegenheiten gegeben habe.

Ich laufe durch die Fuzos. Fuzos sind der Schaufenster wegen gemacht. Ein Schaufensterbummel in den Fuzos. Ich schaue so lange in die Schaufenster und zu den dort ausliegenden Waren (Silberringe, Spitzenunterwäsche, Drogerieartikel, Reiseziele), bis mir in der Bäckergasse ein Osterhase entgegenkommt. Er drückt eine Packung Gummibären in meine Hand.

Der Osterhase ist kein Osterhase. Er ist ein Mensch, der ein Osterhasenkostüm trägt. Das Kostüm verhüllt seinen Körper. Nichts von dem Menschen ist zu erkennen. Auch sein Gesicht bleibt mir verborgen. Ich weiß nichts von ihm. Ich weiß nur, dass die Wahrscheinlichkeit, in einem solchen Ganzkörperkostüm schwitzen zu müssen, sehr hoch ist. Sehr wahrscheinlich schwitzt der Mensch also, der mir die Gummibären gegeben hat.

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Ich bedanke mich. Er hebt seine Hand, die kostümbedingt eine Pfote ist. Ob der Mensch meinen Dank damit erwidert, ob er froh ist, eine weitere Packung Happy-Easter-Gummibären verteilt zu haben, ob er mich verabscheut, ignoriert oder grundsätzlich desinteressiert ist an anderen Menschen, speziell an solchen, die seine Zielgruppe sind, kann ich so nicht sagen. Falls ich das in Erfahrung bringen will, muss ich es mir vorstellen.

Also suche ich ein Geschäft auf. Ansonsten kann ich schlecht einkaufen. Nachdem ich mich aus rationalen und nicht rationalen Gründen gegen und für Produkte entschieden habe, stehe ich schließlich an der Kassa. Vor mir ein Mann. Er bezahlt Proteine. Sie sollen seine Muskeln stärken. Die Proteine befinden sich in Gefäßen. Die Gefäße sind dickbäuchig in den Hüften, ein fetter Torso mit einem schmalen Kopf. Ich möchte nicht unhöflich sein. Aber. Der Körper des Manns erinnert an ein solches Proteingefäß.

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Vor dem Geschäft wartet der Mann. Er hat gehört, was ich geschrieben habe. Er stellt mich zur Rede.
Ich verteidige. Nichts meine ich persönlich. Grundsätzlich geht es mir um die Sache selbst. Er soll sich nicht persönlich angegriffen fühlen.

Er fühlt sich persönlich angegriffen. Die Proteine, sein Körper sind ihm wichtig.

Dabei muss ich über ihn schreiben. Was soll ich denn sonst tun? Verlangt er von mir, nicht über Menschen zu schreiben, denen ich begegne, nur weil die Gefahr besteht, sie unzureichend abzubilden? Wenn er das verlangt, verlangt er von mir, nie über Menschen zu schreiben. Wenn er das verlangt, verlangt er von mir, dass ich zukünftig nur über die Natur schreibe. Und Bauwerke. Und Wasserhydranten. Wer will schon etwas über Wasserhydranten lesen? Nicht jeder ist Feuerwehrmann.

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Nein. Sagt er. Er verlangt, dass ich nichts mehr über ihn schreibe.
Ich weiß nichts von ihm. Ich weiß nur, wie er aussieht. Dennoch habe ich mir eine Meinung gebildet.
Er wirft mir das vor.
Ich sage, ich könnte nicht immer Gespräche führen, um meine Meinung absichern.
Ich sage, ich muss meine Vorstellungskraft gebrauchen können.
Er sagt, die braucht es nicht. Was wirklich geschieht, ist viel interessanter als das Ausgedachte.
Ich sage, zehn Minuten lang vielleicht. Wenn überhaupt.
Ich frage: Was passiert denn schon in dieser sogenannten Wirklichkeit?
Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden, von denen du schon mal ein Drittel verschläfst. Ein weiteres Drittel
verzähneputzt
verschnürsenkelst
verarbeitswegst
verexcelst
versmartphonest
verkollegenstreitest
verkantinenauswahlst
verspiegelonlinest
verzigarettenrauchst
verkinderspielst
verspiegeleist
verfernsehguckst
du.

Ach, sagt er, das ist mehr als ein Drittel.
Er ist aufrichtig.

Bleibt ein kleiner Rest Zeit, in der dir etwas Bedeutsames passieren kann. Nicht alles ist für alle interessant. Du bestehst ja nicht nur aus Abgründen und Schwächen, aus Selbstlosigkeit und Heldenmut, alles Eigenschaften, die es braucht, um dich als Hauptfigur attraktiv zu machen.

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Ich will keine Hauptfigur sein, sagt er.
Ich sage: Aber gemeinhin reicht es schon, was dir in vierundzwanzig Stunden geschieht. Vierundzwanzig Stunden gepackt in zehn aufregende Minuten erzählen alles Notwendige über dich.
Er fragt, was ich über seine zehn Minuten so schreiben werde.
Ich sage, in zehn Minuten schreibe ich dir zwei Sätze. Wohlüberlegt und syntaktisch überwiegend einwandfrei. Zwei Sätze über dich sagen mir alles über dich.
Zwei Sätze, murmelt der Mann, was denkst du denn, wie lange wir hier zusammenstehen? Viel länger schon als zwei Sätze.

Er greift nach den Proteingefässen, die, ich muss das doch noch mal erwähnen, an sein eigenes Aussehen erinnern.

Schreib, was du willst, sagt er beleidigt, Hauptsache, du vergisst nicht zu erwähnen, dass nichts, was du schreibst, mit dem zu tun hat, wie es wirklich ist.
Wie ist es denn wirklich, will ich wissen und füge spitzfindig hinzu: Ist es denn wirklich?

Doch da hat er zu Recht genug und geht in das Geschäft, um Proteine zu kaufen.

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