14:00 | Zirkus

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Ein Zirkus hat den Platz beim Maria-Theresia-Hochhaus in Beschlag genommen. Nicht jeder darf diesen Platz so ohneweiters in Beschlag nehmen. Der Zirkus schon. Denn sein in-Beschlag-nehmen geschieht im öffentlichen Interesse. Es geschieht im Interesse der Stadt, die ihren Einwohnern auch Zerstreuung verschaffen muss. Ein Zirkus in der Stadt, eine Zeit lang Zerstreuung, ein nicht wiederholbares Ereignis.

Man geht dahin am Ostermontag, selten nur ohne Kinder, denn in den Zirkus geht man der Kinder wegen. Den Kindern kauft man eine Karte und weil am Ostermontag Erwachsene Preise zahlen, als wären sie Kinder, sich selbst eine dazu, für die Loge vielleicht oder wenn es besonders sein soll oder die Kinder nur energisch genug drängen, direkt an der Manege. Dort sitzt man dann und staunt, weil der Zirkus, das ist Staunen.

»Zirkus, was bedeutet dieses Wort?«, fragt der Zirkuschef von der Manege aus hinein ins Publikum. Und gibt sogleich die Antwort: Emotionen, Kinderträume, Clowns und Tiere, eine andere Welt. Diese andere Welt, die war schon vor hundertfünfzig Jahren. Exotisches, Fremdes natürlich, aber nicht das abschreckende Fremde, sondern das gute, das domptierte, das abenteuerlich erscheinende Fremde. Menschen in glitzernden Kostümen, die Erstaunliches tun. Erstaunlich ist es, weil es schnell getan wird, rasend schnell oft und man selbst nur selten über ähnliche Fähigkeiten verfügt, schon gar nicht in solch einer Geschwindigkeit.

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Neuerung braucht es dabei nur in geringen Maßen. Hin und wieder muss der Anstrich gewechselt werden. So schaut man gespannt, das Jonglieren und Seiltanzen eine Armlänge nur entfernt, wenn man den Platz nahe der Manege eingenommen hat. Diese Augenblicke sind so echt wie sie vor hundertfünfzig Jahren schon echt waren. Sie existieren wirklich, wenn die Schlangenfrau in einem Netz an die Sternenkuppel emporgezogen wird und beginnt sich winden und rangen und das Netz sich um ihren zarten, trainierten Körper wickelt. Dann ist die Gefahr des Absturzes allgegenwärtig. Das ist der Kitzel, der Grund des Staunens und Schauens.

Also schaue ich, nicht atemlos, weil ich weiß, die Schlangenfrau hat die Abläufe verinnerlicht, kennt jede Masche ihres Netzes und weiß jeden Muskel ihres Körpers zu verwenden. Aber selbst zehntausendfach geprobte Abläufe feien nicht vor dem Außergewöhnlichen, das niemals eintreten dürfte. Aber es könnte. Also schaue ich auf die unterhalb der Kuppel schwebende Schlangenfrau, schaue auch auf die wirbelnden Kegel und Reifen, das balancierte Feuer und auf die behaarten Dromedare.

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Man geht in den Zirkus. Man hat den Kindern geröstete Nüsse gekauft oder Zuckerwatte, die Hitze schmilzt die Flocken in den aufgeregt malmenden Mündern. Man erkauft sich Zugang zu den Tierkäfigen im hinteren Teil des Zirkusgeländes, man kauft dem Kind einen SpongeBobSchwammkopfluftballon, man kauft dem Kind einen Leuchtstab mit lichtpumpenden Neonfäden, man kauft dem Kind einen Ritt auf dem Zwergpony. Man kauft sich einen Nachmittag, der schön sein soll und damit er schön sein kann, muss er sich in dem Moment, in dem er erlebt wird, glücklich anfühlen.

Dieses Gefühl von Glück ist vielen Reizen ausgesetzt; dem Tiergeruch, den Farben, der runden Manege, dem ständigen Klatschen, der Peitsche, diesem knallenden Bestrafer, der immer sichtbar im Bild ist, der Stimmungsmusik, die zwei Lautstärken lauter als erträglich aufgedreht sein muss, damit sie für Stimmung sorgen kann. Dieses Gefühl wird gepiesackt und gestachelt, stets liegt ein etwas größeres Glück in greifbarer Nähe – das Tierkind streicheln, das Popcorn, der neonfarbenere Leuchtstab.

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Und trotz dieses Glücks weiß man, dass dieser Nachmittag keine Erinnerung ist, die bleiben wird. Man hofft aber, dass dieser Zirkusnachmittag Teil eines ganzen Glücks werden könnte, Teil einer Kindheit, Teil einer Elternschaft, von der es im Rückblick heißen soll: Sie war glücklich gewesen. Sie war glücklich, denn im Sommer sind wir an die Badeseen gefahren, im Herbst haben wir Kastanien aus den Bäumen geschossen, im Winter, da haben wir am Teufelshügel gerodelt, im Frühjahr die Krokusse bestaunt und im Zirkus, wir waren im Zirkus gewesen.

Aber wir erinnern uns nicht mehr im Einzelnen an den Badesee, die Kastanie, den Zirkus. Im Zirkus. Ein Zirkus. Aber nicht dieser Zirkus, der damals im April 2015 in Wels auf dem Platz im Schatten des Maria-Theresia-Hochhauses gestanden hat. So ist das mit der Erinnerung, wenn sie nicht im episodischen Gedächtnis verhaftet wird: Sie speichert das Gefühl, das Lachen im Allgemeinen, das Staunen, das Glitzern, vielleicht ein verschwommenes Bild, aber niemals den Moment im Ganzen.

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Ezra hört, was ich schreibe. Er nickt die Worte einzeln ab. Er sieht den Eltern und Kindern zu, ihm gefällt, was er sieht, aber er hat Beschwerden gegen die Worte.

Warum schreibst du dann über sie, als wären sie als Ganzes zu verstehen?

Er hält inne, leckt über die Zuckerwatte, fügt hinzu: Und warum überhaupt schreibst du von allen Orten der Stadt ausgerechnet über den Zirkus? Der ist ja nicht mal ein Ort der Stadt. Warum schreibst du nicht über den Tierpark? Warst du schon mal dort, Sonntag Nachmittag, all die Familien, all die Kinder, all das geleckte Eis und all die gestreichelten Rehkitzrücken, all die zukünftigen Erinnerungen? Da könntest du die gleichen sogenannten tiefsinnigen Beobachtungen machen. Und würdest nebenbei auch was über die Stadt sagen. Warum also der Zirkus? Der ist doch nicht typisch für die Stadt.
Doch, antworte ich, an diesem Tag ist er typisch gewesen.
Aber am nächsten Tag schon nicht mehr.
Nein, das ist wahr. Deshalb muss ich darüber schreiben. Wenn ich es nicht tue, wäre dieser typische Tag im April für immer vergessen.
Jetzt lächelt Ezra, als wüsste er etwas, von dem ich keinen Gedanken habe.
Wenn du meinst, sagt er und will sich in der Zuckerwatte versenken. Doch da ist keine Zuckerwatte mehr. Was er davon noch in der Hand hält, ist ein dünnes Holzstöckchen, an dem einmal Zuckerwatte gewesen sein könnte.

Erinnerung

 

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