16:00| Vogelweide Tischtennis

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Auch dieser Samstag hat einen Nachmittag. Ich könnte überall sein. Ich beschließe, an diesem Samstag Nachmittag in einer Turnhalle zu sein. Diese Turnhalle liegt in Vogelweide. Um nach Vogelweide zu kommen, muss ich durch eine Unterführung. Gefühlt unterführt sie einen Kilometer lang. Sie führt unter Gleisen hindurch. Der Fluss ist eine Grenze, die Gleise sind eine Grenze, weiter hinten ist die A25 eine Grenze. Lauter Begrenzungen. Sie grenzen Land aus, Landschaft von Stadt ab, die Stadt innerhalb der Stadt.

Ein Künstler hat daran gearbeitet, die Grenzen fließend zu halten, sicher im öffentlichen Auftrag. Er hat Kinder malen lassen. Zwei Klassen brachten Farben zu Papier, keine konkreten Formen, bunt sollte es sein. Zwei Klassen aus zwei angrenzenden Stadtteilen malten bunt. Der Künstler zerteilte das gemalte Bunte, vermischte die Fragmente miteinander, so wie sich die Stadtteile vermischen sollen. Diese bunte, gemischte, grenzenüberschreitende Fragmentspur zieht sich nun durch die Unterführung, der ich nach Vogelweide folgen kann.

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Und ohne etwas über Vogelweide zu wissen weiß ich: Die Farben können nicht darüber hinweg täuschen. Dieser Teil der Stadt ist anders. Ein Städtchen in der Stadt, selbst die Kirche, selbst die Fassade der Schule, selbst die Abmessungen der Wohnhäuser, selbst die Grünflächen atmen anders, scheinen anders, ein anderer Geist wandert durch die Straßen.

Während es heute das höchste Wohnglück ist, dass jede Familieneinheit auf einem einzelnen Gartengrundstück mit Haus residiert, war einige Jahrzehnte zuvor die Hausgemeinschaft das Ideal. Dieser Vision zollt die Architektur hier Tribut. Keine megalomanen Gebäude, keine futuristischen Hochhäuser, sondern so, dass der Geruch des Bratens am Sonntag jedes Stockwerk erreichen kann, der Putzplan fürs Treppenhaus nicht nur aushängt, sondern auch erledigt wird und die Bewohner Hausmeister und Blockwart noch beim Namen kennen.

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Ohne das genauer bestimmen zu wollen – vielleicht sieht JEDER Stadtteil an einem sonnigen Samstag Nachmittag verordneter, geharkter, gemeinschaftlicher und gestrichener aus – eile ich durchs Ambiente. Bettdecken liegen auf Fensterbänken und lüften den Dunst der Nacht aus, hinter-dem-Haus-gemähter-Rasen-Geruch hängt über den Hecken, an Kreuzungen bieten Konvexspiegel Einblick in unübersichtliche Verkehrssituationen. Daran vorbei eile ich, bin ja wegen den Schlägern hier.

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In der Turnhalle am Schulkomplex wirken die drei Tischtennisplatten wie blaue Inseln im sanddorngelben Turnhallenparkettmeer. Vorn, im direkten Sichtfeld der Tribüne, präsentiert sich die Platte der ersten Liga, dahinter die Platten der zweiten. Auch hier wieder Grenzen. Banden geschmückt mit Werbebannern einheimischer Unterstützer zäunen die Platten ein. Doch ist diese Begrenzung von Nutzen. Denn schlägt ein Spieler am Ball vorbei und entkommt der Ball deshalb dem Spiel, hält die Bande den Ball davon ab, im Nirgendwo der Halle zu verschwinden.

Heute ist das Spitzenspiel der österreichischen Tischtennisliga. Der seit einem Jahr ungeschlagene Erste (SPG Walter Wels) trifft auf den selbstbewussten Zweiten (SG Wein4tel). Hierbei geht es um Spitzenleistungen. Was ich gleich sehen werde, werde ich so nirgends besser und intensiver in ganz Österreich erleben können.

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Der Nachmittag beginnt mit einer Trauerminute. Wir Anwesenden stehen auf, gedenken. Ein Vizebürgermeister zeichnet aus, verdiente Spieler, Trainer und Masseure mit Sportabzeichen verschiedener Wertigkeit. Die Spieler werden vorgestellt, ihre Platzierungen in der Rangliste verlesen, die Zahlen sind einstellig. Schiedsrichter prüfen die Netze, prüfen die Schläger der Spieler.

Die Spieler wischen über den Tisch. Später muss ich diese Beobachtung korrigieren. Wenn die Spieler vor Spielbeginn mit dem eigenen Handtuch über den Tisch wischen, dann nicht um diesen zu säubern, sondern um das eigene Mana auf die Platte zu stäuben. Überhaupt das Glück. Nach jedem Ballwechsel streicheln die Spieler die Platte, eine Stelle nahe des Netzes streicheln sie, legen für Sekunden die Hand auf die Platte und stippen so das zuvor gestäubte Mana wie Brotkrummen auf.

Und, ebenso überhaupt, das Handtuch. Jeder Spieler trägt ein eigenes bei sich, das während des Spieles in eigens dafür vorgesehenen Halterungen am Schiedsrichtertisch verstaut werden kann. Und dieses Handtuch scheint ein wichtigeres Utensil als der Schläger zu sein. Nicht, weil es Schweiß von den Stirn saugt, sondern dramaturgisch eingesetzt werden kann. Der Griff nach dem Handtuch gestattet es, das Spiel zu verzögern, sich zu sammeln, den Gegner zu irritieren, ein irreguläres Time-Out zu gewinnen.

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Und, überhaupt, das Time-Out. Die Spieler nehmen es, wenn das Spiel ihnen zu entgleiten droht. Das Time-Out als Joker, als Eingriff in den Fluss der Zeit, um Fortuna zu verwirren und in einem anderen Moment zu erwischen und so einen übergroßen Schmetterlingseffekt zu provozieren. Einmal klappt es, einmal nicht, das Unglück gleicht sich aus, das Glück an diesem Nachmittag nur für die Gäste, die den Spitzenreiter schlagen werden.

Auf dem Turnhallenparkett das Quietschen der Gummisohlen, das energische Aufstampfen nach einem Aufschlag. Würden die Bälle in Zeitlupe über die Netze sausen, hätten wir die Möglichkeit, ihre Flugbahn zu bestaunen. So sehen wir nur Anfang und Ende der Bewegung und müssen den Rest in Gedanken vervollständigen.

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Von den Rängen ein Raunen, der beste Österreicher sei das, raunt es, ein Tischtennisroboter, »Dör is guat drauf heut« und »Ahh je« und »Ein Wahnsinn is dös« oder einfach das Einsaugen von Luft, wenn der Ball am Netz hängenbleibt und auf die falsche Seite der Platte tropft.

Ezra und ich haben früher auch gespielt. Chinesisch oder englisch auf Klassenfahrten, zwanzig um einen Tisch versammelt. Wer keinen Schläger bei sich hatte, hat mit Trinkflaschen geschlagen. Die Trinkflaschen waren flach und aus Plastik, sie waren geeignet. Niemand von damals steht heute in einer Weltrangliste. Niemand hat beschlossen, die einfache Bewegung Hand-mit-Schläger-zum-Ball mehrere zehntausende Mal zu exerzieren, bis sie Teil einer selbst wird wie das unbewusste Reiben der Nasenflügel, wenn man lügt. Deshalb sitzen wir heute auch in den Rängen und stehen nicht an den Tischen.

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Einer der Weltranglistenspieler reißt den Schläger hoch. Er verkantet, der Ball prellt gegen die Seite, steigt in die Luft, schlägt einen unvorhersehbaren Bogen, fliegt Richtung Rang. Ich reiße auch etwas hoch, den rechten Arm nämlich, öffne dabei die Hand, halte die Finger bereit, geistesgegenwärtig, ein nutzloser Versuch, die Zukunft vorauszusehen und zu prophezeien, wo der Ball landen wird.

Er landet, so unglaublich das scheinen mag, in der von mir bereitwillig ausgestreckten Hand. Die Köpfe auf den Rängen drehen sich, die Köpfe der Schiedsrichter drehen sich, die der Trainer und Masseure drehen sich, die Spielerköpfe. Sie schauen zu mir, nein, sie schauen zu dem Ball in meiner Hand. Für einen kostbaren Moment bestimme ich über den Lauf dieses Spiels, das den Ball ebenso braucht wie den Schläger und den Spieler. Ich könnte den Ball zerquetschen, es wäre mir möglich, zudrücken. Kraftlos zu Boden würde der Ball sacken und das Spiel verzögern, der Hass der Anwesenden wäre mir gewiss.

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Auf Hass bin ich nicht scharf. Also werfe ich zurück. Kein Zeichen des Danks, mein Handeln selbstverständlich. Die Köpfe nehmen ihre Normalposition wieder ein. Allein Ezra, der neben mir sitzt, stößt leicht in meine Seite.
»Das ist doch schon mal ein Anfang«, sagt er, bevor er in die Leberkässemmel beißt, die er sich vor Spielbeginn geholt hat. Sein Hunger ist groß, er fühlt sich wohl bei dieser Spitzenleistung, ein angenehmer Nachmittag in diesem Stadtteil, das den Namen des Walters von der trägt.

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[Ergänzung: Korrekt heißt es »in die Vogelweide gehen«]

 

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