15:00 | Kuchenmesse

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Alle gemachten Dinge müssen sich mit all den anderen gemachten Dingen messen. Deshalb gibt es Messen. Auch in Wels. Die Messe in Wels. Geboren aus einem Volksfest, seit 1964 mit dem Prädikat »International« versehen.

Diese Welser Messe ist von der Traun aus zugänglich, vom Gelände der alten Trabrennbahn und dem Volksgarten. Am angemessensten erfolgt der Eintritt allerdings durch das ehrfurchteinflößende rote Messetor; ein weit geschwungenes M, so als hätte jemand ein gigantisches Wort (Macht? Mensch? Mus?) über das Gelände geflogen und dabei einen Buchstaben verloren. Ein M eben. So dient dieses titanische M nun als Portal zum Gelände und liegt auf direkter Blickachse mit Halle 21, die letztes Jahr erst innerhalb weniger Monate errichtet wurde.

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Glas, muss man vor Halle 21 stehend denken, Glas ist für die Gegenwart, was Beton und Asbest für das letzte Jahrhundert gewesen war. Und so spiegelt sich auch hier wieder, was um die Messe ist: der Himmel zuallererst, die glänzenden Karosserien der geparkten Fahrzeuge, die erwartungsvollen Gesichter der einlassbegehrenden Besucher. In der Ferne zetert ein Pfau. Kein Spiegelbild diesmal. Ein Geräusch.

Halle 21 teilt sich an diesem Tag auf: in einen Kreativbereich und einen Kuchenbereich. Interessiert bin ich nur an einer Hälfte, jene, die mit Zucker, Zimt und Marzipan lockt. Und so gehe ich zu den gemachten Dingen, die sich miteinander messen, in diesem Fall Kuchen. Aussteller stellen sich und ihre Produkte aus, sie preisen an, erklären, locken, probieren aus, präsentieren, sprechen in Headset. Die Besucher staunen über die auf langen Tischen aufgebahrten mit Bronze, Silber oder Gold ausgezeichneten Kuchen und lichten die prämierten Exponate ungläubig für Instagram ab.

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Ich schlendere, werde gestoßen, stoße zurück, dränge, reihe mich ein, warte ab, stoppe an sowieso schon überfüllten Ständen, an denen Besucher sich auf Fußspitzen stellen, um einen Blick auf die Hand zu erhaschen, die mit meditativen Bewegungen in einen Buttercremeklops ein Einhorn oder einen Kinderkopf zeichnet. Aus formlosen Nahrungsmitteln entsteht so etwas, aus dem Nichts eine kleine Wirklichkeit, die Tortenränder verzieren soll oder Cupcakes adelt. All der Zierrat, all die Feinheiten, all die Regenbögen aus Lebensmittelfarben und essbaren Rosenblätter und Engelsflügel und Master-Yoda-Figuren sagen: Zwar bin ich zuallererst noch ein Nahrungsmittel, aber für dich kann ich auch so viel mehr sein.

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So bunt und gestaltet sind diese Nahrungsmittel, dass, wer sie äße und seine gierigen Zähne in die grazilen Kringel schlüge, ein grobschlächtiger Barbar wäre. Denn sobald die Cupcakes und Kuchenkunststückchen im Mund verschwunden und damit auf dem Schafott der Magensäure liegen, sind sie zerstört und das unwiederbringlich. So gesehen ist die Kuchenmesse eine Messe, die das Vergängliche zelebriert, ein eigentlich trauriger Ort, über dem die zuckrige Ahnung einer grausamen Zukunft schwebt.

Wäre nur die Gegenwart nicht so bunt, röche sie nur nicht so verlockend nach Kokos und Mascarpone. Denn vor dem Verkommen kommt das Zustandekommen. Der Besucher hier will verstehen, wie etwas entsteht. Damit er reproduzieren kann. Also backen.

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Um diesem Bedürfnis nachzukommen ist eine Bühne aufgebaut, auf der zu bestimmten Zeiten vor aller Augen gebacken wird. Auf einem Tisch sind Zutaten vorbereitet, man kennt die Vorführrituale aus Fernsehkochundbacksendungen. Hell wird aufgeschlagen, Öl dreingegeben, Teigfalten werden angelegt, in die Öl tropfen kann, abgestockt wird und Oberstmasse mit Schokolade vermischt. Eine Frauenhand rührt locker aus dem Handgelenk und widmet sich jedem Bestandteil des späteren Kuchens mit großer Sorgfalt. Am Ende aber wird alles immer zusammengekippt und verrührt und in den Ofen geschoben.

Die Reihen vor der Bühne sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Den Kuchen zu machen ist als Vorgang ebenso erfüllend wie das Ergebnis selbst. Das Publikum fachsimpelt und imitiert Rührbewegungen. Es fragt nach dem perfekten Rand und dem Einweichen der Gelatine. Ein Anschnittmesser wird der besseren Schnittfläche wegen in heißes Wasser getaucht. Nach dem Anschnitt klatscht das Publikum. Die erste Reihe bekommt den Kuchen gereicht und das ist der Moment der Erlösung, wenn der Zuckerguss endlich auf der Zunge zergehen darf. Ich bemerke meinen Fehler, mit leerem Magen auf die Messe gegangen zu sein.

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Noch ein Wort zu rosa. Die Grenzen zu pink sind fließend. Hier verwischen sie. Es leuchtet in aller Augen, es ist unmöglich, keine Meinung zu pink und rosa zu haben. Vieles hier ist rosa, die Logos der Stände, die Verpackungen, die Kuchen, die Schürzen. Es gibt unterschiedliche Schattierungen davon: ein verhuschtes rosa, fast pastellfarben, ein flitterndes pink, babyrosa, das von selbstbewussten Betamännchen getragene poloshirtrosa, ein genderfeindliches pink, das blasse rosa. Rosa und pink für jeden Geschmack. Ironisch kann rosa sowieso nicht mehr getragen werden, pink ist ein Bekenntnis wie keine andere Farbe sonst. An diesem Ort sind pink und rosa das Glutamat der Süßwarenenthusiasten.

Rosa also, Zucker und Zimt. Tags zuvor wurde auf der Messe ein Weltrekord aufgestellt, der mit 36,9 Kilogramm größte Cakepop aller Zeiten wurde gebacken. Ein schöner Weltrekord, aber auch ein sinnloser, denn Weltrekord kann alles sein. Zum Beispiel dieser Text. Ein Weltrekordhaltertext, der Text über den Sonntag der Kuchenmesse 2015 mit den meisten Buchstaben ü.

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Ezra lacht kurz, vielleicht aus Höflichkeit. Er hat sich einen ungarischen Baumkuchen geholt, der in Kokos gerollt ist. Während er etwas zu leidenschaftlich in den Teig beißt, verweist er auf die Bedeutung des Worts Messe.
»Das kommt nicht von messen. Du muss dich besser schon informieren, wenn du dein Wissen aus- und solche Behauptungen aufstellen willst.«
Er gefällt sich ganz gut in der Rolle des Schlauermeiers, die ich eigentlich mir zugedacht habe. Ezra geht zum Ausgang, der vor einer Stunde noch ein Eingang war. Draußen zetert wieder der Pfau.

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