12:00 | Gericht

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Am Ende ist es die Stimme. Diese Stimme spricht in einen Rekorder. Sie protokolliert. Die Stimme gehört zu einem Richter, sie gehört zu einer Richterin. Von dieser Stimme wird noch die Rede sein.

Zuerst allerdings kommt die Ehrfurcht. In Wels steht das Gericht nahe des Zentrums der Stadt, so dass jeder hineingehen und hören könnte, wie Recht gesprochen wird. Ein monumentales Gebäude, über dessen Eingang die blinde Justitia wacht. Taubenvergrämungen sind angebracht, damit kein Vogelkot die Monumentalität besudelt. Nebenan eine Minigolfanlage, eine Trafik, auf dem Parkplatz treffen sich Täterangehörige, rauchen eine letzte Tschick, bevor sie eintreten.

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Und beim Eintritt setzt die Ehrfurcht ein, direkt vor der Sicherheitsschleuse, die die eintretenden Körper auf verdächtige Gegenstände überprüft, ein Wärter behält Anlage und Körper kritisch im Blick. Die Ehrfurcht setzt sich fort in der Halle. Und ich denke: Ehrfurcht muss zu einem Ort wie diesen gehören, ein Ort, an dem ein Ritual vollzogen werden soll, das Ritual der Rechtsprechung. Denn an diesem Ort findet das Ende eines langen Prozesses statt, dieser Kette von Begebenheiten und falschen Entscheidungen.

Kindheit – schiefe Bahn – Drogen – Geldnot – Straftat

alles richtig gemacht – Schicksalsschlag – Verzweiflung – Straftat

manches richtig gemacht – ein Moment des Kontrollverlusts – Straftat

vieles falsch entschieden – Konsequenz dieser Entscheidungen – Straftat

angesehenes Mitglied der Gesellschaft – Angst vor Statusverlust – Straftat

usw. usf.

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Nach der Straftat das Ermitteln. Das Sammeln von Beweisen. Das Hören der Opfer. Die Überführung des noch vermeintlich zu nennenden Täters. Dessen Festnahme. Das Anlegen von Akten. Das Formulieren einer Anklage. Die Aufstellung einer Verteidigung. Und an diesem Ort sollen nun all diese Handlungen, die über einen längeren Zeitraum das Leben vieler unterschiedlicher Menschen berührt haben, ein vorläufiges Ende finden.

Am Ende dieser Kette von Ereignissen sitzt der vermeintliche Täter auf einem Stuhl in einem holzgetäfelten Saal. Vor ihm der Richter, an den Seiten jeweils öffentlicher Ankläger und Verteidiger. So wartet der vermeintliche Täter, dass die Gesellschaft ein Urteil über ihn fällt, denn sie oder er hat gegen die Regeln, die diese Gesellschaft aufgestellt hat, verstoßen. Und da jeder und jede einmal hier sitzen könnte, auch du, würdest du dir wünschen, dass die Gesellschaft ein gerechtes Ritual vorgesehen hat, das durchgeführt wird, wenn du gegen diese Regeln verstoßen hast.

Zuerst wird die Biographie des vermeintlichen Täters erfasst. Aussagen werden getätigt. Ein Leben wird auf Fakten und Daten beschränkt. Platz für Grautöne bleibt nicht, kein Platz für Lebensumstände und Beweggründe der Entscheidungen. Allein deren Folgen werden aufgenommen. Unerbittlich, möchte man meinen, Gott sei Dank objektiv, möchte man meinen, ein Kreuz steht auf dem Richtertisch.

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Die vermeintliche Täterin wird gefragt. Sie hat Gelegenheit, sich zu äußern. Und hier kommt die Stimme ins Spiel. Denn der Richter, die Richterin, hält ein kleines Aufnahmegerät in den Händen, in das er spricht und sie so die Geschehnisse protokolliert. Was die vermeintliche Täterin aussagt, wird sogleich in ein unbestechliches Protokolldeutsch übertragen. Wie das klingt?

Vermeintlicher Täter: »Und da hab ich den Wagen aufgebrochen und fuhr los. Wollt den aber wieder zurückstellen. Hab dann aber gedacht, könnt den ja verkaufen.«

Verteidiger: »Sie hatten also beim Aufbrechen des Wagens nicht die Absicht, diesen zu verkaufen?«

Vermeintlicher Täter: »Nein. Weiß nicht. Kann mich nicht erinnern.«

Die Protokollstimme fasst zusammen: »Herr … brach das Fahrzeug auf. Er kann sich nicht an seine damaligen Absichten erinnern.«

Die Protokollstimme unterbricht schnell und hart die Aussagen. In knapper Art fasst sie das Gehörte zusammen. Und spiegelt somit dem vermeintlichen Täter die eben getroffene Aussage umgehend wieder. Was die Stimme sagt, wird die Wirklichkeit sein, weil es später im Protokoll so stehen wird.

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Eine Höllenmaschine, solche eine unerbittlich, auffaktenreduzierende Stimme. Denn bekämen wir jeden gesprochenen Satz augenblicklich wiederholt, müsste uns bewusst werden, wie absurd, fehlerhaft, widersprüchlich und banal ist, was wir sagen. Nicht zu ertragen wäre eine solche Welt, wir würden schweigen, weil uns sonst selbst ständig belasten und entblößen würden.

Im Gerichtssaal dient diese Stimme aber einem höheren Zweck – einer Annäherung an Tatsachen, die dann juristisch bewertet werden müssen. Um die Wahrheit kann es dabei nur am Rande gehen. Jeder der Anwesenden hat eine eigene und zudem meistens mehrere. Dennoch ist das Gericht ein guter Erinnerungsort; hier wird festgehalten, was war und übertragen in dürre Sätze, aus denen jedes Gefühl, jede graue Stelle radiert ist. Lauter Resultate sind es, die für die vermeintliche Täterin sprechen, die ihren Charakter offenbaren, letztlich ihr Leben, eine Folge von Entscheidungen.

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Ein Polizist, die im Ernstfall todbringende Waffe sicher am Körper, sitzt neben dem vermeintlichen Täter. Familienangehörige harren in den hinteren Reihen aus, Mütter mit gebeugten Schultern, angespannte Väter, Geschwister schwenken Kinderfotos, wollen so den reinen Fakten etwas entgegensetzen. Die Grautöne des Lebens. Es geht um Substitol, um Geld geht es, Körperverletzung, Geldwäsche, Betrug, Vorteilsnahme, Hehlerein, Vorstrafen, bedingte Haft, Therapien, Streetworker, Fürsprecher. Es geht um eine Seite der Stadt, die immer da ist und da sein wird, sie kann nachts an den Tankstellen stattfinden und in den besten Straßenzügen, es gibt keine Geschichte, die nur einmal zu erzählen wäre.

Die Vorgänge im Saal folgen einer strengen Ordnung. Das Verlesen der Strafordnungsnummern und Aktenzeichen, all der römischen Zahlen und arabischen Ziffern, beruhigt in der Monotonie, denn so scheint es, dass es möglich wäre, diese Seite der Stadt kontrollieren zu können. Aber die Kontrolle kann erst nach dem Kontrollverlust stattfinden, dann, wenn es zu spät ist, wenn es Geschädigte gibt, Opfer und Täter, wenn die Kosten für die Aufarbeitung dieser Schäden höher sein können als die Schäden selbst.

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Ein vermeintliches Ende findet sich erst, wenn der Richter, wenn die Richterin den Sprachrekorder beiseite legen und die Protokollierstimme verstummt und alle sich erheben, um ein Urteil zu vernehmen. Einem Mensch wird dann die Freiheit genommen, ein eigentlich unerhörter Vorgang, unerhörter nur die Entscheidungen, die dazu führten.

Die Familie winkt dem Täter zu, der von nun an kein vermeintlicher mehr ist, der Polizist führt ab, damit Strafe vollzogen werden kann. An der Sicherheitsschleuse ein Stau, die Tür zur Straße öffnet sich.

Erza tritt neben mich und weist darauf hin, dass Millionen Entscheidungen vor uns liegen und jede einzelne uns zurück an diesen Ort führen könnte. Dann würden wir nicht beobachten und notieren, dann würde Recht über uns gesprochen werden und dann würden wir hoffen, dass die Fakten, die Resultate unserer Entscheidungen für uns sprächen, dann wollen wir annehmen, dass das Ritual gnädig zu uns sein wird.

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