20:00 | Müllverbrennungsanlage

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Die Müllverbrennungsanlage ist ebenso wichtig wie der schönste Ort der Stadt, der Burggarten zum Beispiel oder der Ledererturm. Denn nicht alles, was war, kann behalten werden. Sonst wäre kein Platz für Neues. Täglich fällt die Stadt zehntausende Entscheidungen, was sie bewahren will und was nicht. Was sie nicht behalten will, wird zu Müll. Und so ist Müll der Rest, für den kein Platz mehr sein soll.

Dennoch braucht es für Müll, bevor er aus der Welt verschwinden kann, einen Platz. Dieser Platz muss schwer zugänglich sein, er sollte nicht vor aller Augen liegen. Das, was verschwinden soll, soll diskret verschwinden.

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Der Platz, an dem in Wels einstmals taugliche Dinge verschwinden, liegt am äußeren östlichen Ende der Stadt. Die Traun ist hier bemerkenswert breit und seehaft, umliegend wiegen sich Baumwipfel im Wind. Die Müllverbrennungsanlage ist abgezäunt. Ein Radweg führt am Zaun entlang, fast malerisch im Frühling diese Strecke. Ein Geruch hängt in der Luft, als würde man Asbest mit s wie Pest schreiben. Ein anderes Sprachbild wäre: verdreckte Kleidung mit zu viel und dem falschen Waschmittel gewaschen und danach nicht trocken geworden.

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Am schauerlichsten allerdings, wenn sich Gabelstaplerräder über Milchkartons walzen und diese platzen und vergorene Milchmoleküle wie bösartige Hornissenvölker ausschwärmen. Ein geheimnisvoller Nebel zieht auf, das könnte Feenstaub sein, sind aber Restpartikel, alles, was von den Gütern, welche die Stadt verbraucht hat, noch übrig ist, wenig giftig, wie ich hoffe. Es ist überhaupt falsch anzunehmen, Müll könne verschwinden. Müll wird nur kleiner und zu etwas anderem. Aber Müll wird immer da sein.

Ein furchtbarer Gedanke. Müll wird immer da sein. Er weckt Abscheu. Der Abscheu schwappt auf mich über. Ich möchte mich dagegen wehren, denn Müll hat jede Berechtigung in der Welt zu sein wie das meiste andere. Nur weil es stinkt, abscheulich ausschaut und nicht mehr von Bedeutung ist, muss ich es nicht abscheulich finden.

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Aber da ist ein Piepen. Ich höre ein Piepen, immerzu ein Piepen. Immerzu ein Zerdrücken, ein Zerknicken, ein Zermalmen. Immerzu ein Dröhnen, immerzu die Lastkraftwagen, die Müll heranschaffen, neuer Müll, alter Müll, wiederverwertbarer Müll, nicht recyclebarer Müll, Plastik, Metall, Organisches, Papier, Porzellan, Holz, Schaumstoff, immerzu neu, als wäre irgendwo eine gemeine Maschine, die Müll bis in die Unendlichkeit hinein erschafft, allein aus Freude daran zu wissen, dass das, was war, bald nutzlos sein wird.

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Neben der Abscheu die Idylle. Ich wende mich der Idylle zu. Die Idylle liegt auf der anderen Seite der Müllverbrennungsanlage. Der Hochweg neben der Traun. In dieser Idylle wirft ein älterer Mann mit nacktem, kochendrotgebrannten – fast möchte ich schreiben »ledrigen« – Oberkörper Angelleinen ins Wasser aus. Liebespaare schieben sich entspannt Hände unter ihre Hintern. Frauen mit Gehstöcken drehen gewissenhaft Runden. Was soll diese Idylle, möchte ich ihnen allen entgegen schreien, dabei wird doch gleich nebenan Müll verbrannt. Was von dem, was ihr jetzt gerade habt, wird denn eines Tages nicht verbrannt, zerdrückt, kompostiert sein? Die Fischgräten, die Gehstöcke, die Liebe der Paare?

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Ich halte die Abscheulichkeit aus. Bis Abend wird. Abends gehe ich zurück. Muss dabei durch die nächste Idylle. Zwischen Müllverbrennungsanlage und Industriegebiet hat sich eine Vorgartensiedlung gemogelt. Lauter Einfamilienhäuser mit Grundstücken, in denen satt die Magnolien blühen. Lauter hüfthohe Zäune vor den Einfamilienhäusern, lauter beleuchtete Hausnummernschilder, lauter Solarzellen auf den Dächern. Baumaterialien lagern in den Gärten, als müsste immerzu gebaut werden.

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Grundsätzlich fühle ich, der Beobachter, mich hier beobachtet und beäugt. Die Rollen tauschen sich aus. Man lugt. Über die Zäune hinweg. Hinter den Vorhängen hervor. Von den Türen aus. Man fragt sich, was ich vorhabe. Beobachten will ich. Dazu komme ich nicht mehr. Ich bin damit beschäftigt, nicht beobachtend zu erscheinen. Beobachten weckt den Argwohn der Anwohner. Ich erhöhe mein Tempo. Erwecke so erst recht den Anschein böser Absichten. Die ich allerdings nicht hege. Nie hege.

Hinter Zäunen sitzen Hunde. Sie warten, sie lauern. Auf jemanden wie mich. Vor den Hunden wird gewarnt. Das hilft wenig. Aus dem Nichts ein irres Bellen. Sticht. Ein Herzschlag. Nicht mehr existent. Irre Hunde. Springen an Zäunen empor. Reißen die Mäuler auf. Verteidigen Grundstücke, die nicht mal ihnen gehören. Sondern ihren Besitzern. Die Hunde besitzen nichts. Nur ihre Feindseligkeit.

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Diese Feindseligkeit erscheint mir vertraut. Aus den Gewächshäusern kommt der lachende Kaan. Pluto zerrt an der Leine, er will sich verbünden, verbrüdern mit seinen Hundekollegen. Was ist das überhaupt für ein Name? Von allen Hundenamen der Welt ausgerechnet Pluto?

Der lachende Kaan bleibt vor mir stehen, so knapp, dass Pluto mich gerade nicht erreichen kann. Wenige Zentimeter. Träte ich einen Schritt vor, hätte ich Zähne im Schenkel. Hundezähne im Menschenschenkel. Blut würde fließen. Meine Hose wäre zerstört. Sie würde im Müll landen. Ich hätte am Kreislauf der Verwertung teilgenommen.

Kaan will wissen, was ich um diese Zeit hier noch mache. Ich erzähle vom Müll. Er lächelt. Jetzt erst fällt mir auf, dass Kaan ein Melancholiker ist. Das Lachen verbirgt etwas. Ist vielleicht ein Schutz. Vor was, will ich wissen. Vor was muss er sich mit einem Lächeln schützen? Wohin er gehe, frage ich stattdessen. Zum Idyll, sagt er. Er spricht nicht von der Abscheu. Er spricht vom Idyll. Aber er weiß: Müll verbrennt gleich nebenan.

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