18:00 | Trabrennbahn

trabrennbahn-15

Vor mir fährt ein Sportcoupé. Das ist gut. Denn wenn ein Sportcoupé irgendwo hinwill, dann zu einer Trabrennbahn. Also folge ich dem Coupé. Wir nehmen die Dragonerstraße, kommen am Tierpark vorbei, lassen den Messeplatz links liegen und sind schließlich an der Trabrennbahn.

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Sektschlürfende, raffaelloverspeisende Sportcoupéfahrer sind möglicherweise gar keine hier. Statt Sport- finden sich hier Kinderwagen ebenso wie Rollatoren, Hunde in allen Breiten und Fellpflegezuständen, Männer mit dicken Brillen und in Anzügen, eine Menge cundakarierte Hemden sind zu sehen, Strohhüte, Väter mit ihren Söhnen, Mütter mit pferdevernarrten Töchtern, kurzum, wenig Klientel.

trabrennbahn-1

Die Welser Trabrennbahn, eine B-Bahn mit Tribüne, einem Schiedsrichterturm, die Ställe sind mittels einer Schranke vom Wettkampfbereich getrennt. Vor den Wettannahmestellen werden Wettzettel studiert, im Gastrobereich die Mehlspeisenkarte. Aus Lautsprechern scheppert »I Like Chopin« und »L’Italiano (Lasciatemi Cantare)«. Eine gemütliche ZDF-80er-Jahre-Vorabendserienfriedfertigkeit hat sich über das Areal an der Traun gelegt. Mal springt aufgeschreckt ein Hase aus dem Nichts und schlägt Haken Richtung Ufer, ansonsten ist es allen behaglich, man trinkt Gspritztes, trifft sich, plaudert, setzt ein wenig Geld ein.

Eintritt kostet nichts, denn gewettet wird. Hauptsächlich Männer, die Tschick leicht angespannt zwischen den Fingern drehend, brüten über den Wettzetteln. Im Programmheft haben sie Favoriten angekreuzt. Hinter vermeintliche Geheimtipps sind Fragezeichen gesetzt. Die Dotation ist registriert, die Eventualquoten verglichen, auf Bildschirmen rattern Zahlenreihen, vom Schiedsrichterturm aus werden die Bewertungen der Presse durchgegeben.

trabrennbahn-5

Die Pferde traben zur Parade. Tief liegen die Fahrer in den Sulkys und ziehen aufreizend langsam vor dem Geländer vorbei, hinter dem sich die Interessierten zum Bestaunen der Tierkörper versammelt haben. Der Schiedsrichterturm zählt den Countdown runter, alle fünfundzwanzig Minuten ein Rennen, noch fünfzehn Minuten, nach zehn, noch zwei. Das »Mission Impossible«-Thema erklingt.

Auch als das Rennen beginnt, verliert sich nichts von der Gemütlichkeit. Die Pferde haben sich hinter den Flügeln des Startautos versammelt. Auf entgegengesetzter Seite des Schiedsrichterturms beginnt das Rennen, scheinbar irgendwie. Manche Fahrer sind gleich hintenan, andere führen von Anfang an. Sie wettkämpfen um die Messekurve, kommen zum ersten Mal an der Tribüne vorbei. Kaum jemand feuert an, kaum jemand scheint unter Spannung zu stehen und wenn, dann äußert sich diese Spannung nur durchs sachte Knüllen des Wettzettels. Man legt die Hand vor die Stirn, denn die Sonne, sie brennt weiße Haut rot.

trabrennbahn-12

Das Feld zieht in die zweite Runde. Der Schiedsrichterturm gibt Zwischenstände durch: Kleiner Silberfuchs vorn, auch eine Chance Dakota Savoya, Power Alf schon abgeschlagen. Jedes zweite Pferd trägt ein »Venus« im Namen. Man wirft einen Blick auf den Wettzettel, vergewissert sich noch mal der Tipps, die zu dieser Zeit noch zu Hoffnung berechtigen könnten oder schon nicht mehr.

Nach drei Runden ist das Rennen irgendwo vor dem Schiedsrichterturm beendet, irgendwie am Schluss. Das Feld trudelt aus, die Besucher ziehen sich in die Schatten zurück. Man legt Wettzettel ab, zündet sich die nächste Tschick an, fasst das Rennen in wenigen Sätzen zusammen, schulterzuckend zumeist, denn neun Rennen sind angesetzt. Das einzelne Rennen, der einzelne Sieg oder Verlust hat wenig Bedeutung. Schicksalsergeben wird der Ausgang des Wettkampfs aufgenommen.

trabrennbahn-13

Aber halt. Da passiert doch was. Ein neues Feld, Beginn Runde zwei. Die Friedlichkeit wird gestört. Die Zuschauer schreien auf. Entsetzen. Schrecken. Tumult entsteht. Ein Winken, ein Deuten in eine Richtung, Hände vor aufgerissenen Mündern. Eine Kollision. Bewegungslos liegt ein Fahrer in der Bahn. Sein Pferd rast führerlos weiter. Der Schiedsrichterturm braucht einen Moment, bis er versteht. Läutet dann.

Auch das Feld braucht für die Erkenntnis: Hier ist ein Unglück passiert. Das Tempo wird gedrosselt, anhalten aber kann es nicht. Der Krankenwagen rast los, hin zum noch immer regungslosen Fahrer. Männer laufen auf die Bahn und stellen sich dem führerlosen Pferd in den Weg. Allein, es will nicht halten. Mehrere Runden dreht es ohne den Fahrer, unbeirrt setzt es den Wettstreit fort, ein nun nutzloses Wettkampftier, eine Rennmaschine vor einem menschenleeren Sulky.

trabrennbahn-16

Das Unglück ist gegenüber der Tribüne. Man erkennt keine Details. Also vermutet man. Verletzungen werden geraunt, Maßnahmen gefordert, an tragische Begebenheiten früherer Nachmittage erinnert. Der Schiedsrichterturm bricht das Rennen ab. Ein vereinzelter Buhruf. Das führerlose Pferd wird eingefangen, der Fahrer im Krankenwagen abtransportiert. Über seinen Zustand weiß man nur: Er wird im Krankenwagen abtransportiert.

So sind alle Vorhersagen, alle Mutmaßungen und Erfahrungen vergebens; das Unglück hat die Quoten hinfällig gemacht. Und während die Spuren des Unglücks beseitigt werden, kommen schon die nächsten Fahrer auf die Bahn. Sechs Rennen liegen noch an an diesem Nachmittag, hier auf der Trabrennbahn Kategorie B in Wels.

trabrennbahn-18

trabrennbahn-2

trabrennbahn-6

trabrennbahn-14

trabrennbahn-7

trabrennbahn-9

trabrennbahn-17

Advertisements