17:00 Uhr | Maibaumfeier

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Und weil der Same gut war und der Boden fruchtbar, keimte der Same. Dieser Keim kämpfte sich durchs Erdreich dem Licht entgegen, wuchs und schoss in die Höhe. Triebe schlugen aus und sprossen, dem launischen Wind hielt der noch so biegsame junge Stamm tapfer stand. Aus Zweigen wurden Äste und aus Ästen ein Wipfel. Ein Baum entstand.

Ein weiteres Jahr kam, ein zweites, ein viertes, Jahrzehnte gingen, acht Jahrzehnte im Ganzen. Dann hieben Äxte in den Stamm. Die Schneidezähne der Motorsägen fraßen sich durch das Holz. Der Baum wurde gefällt. Und wie er gefällt war, rissen Maschinen und Hände die Rinde vom Baum, sie schäpsten den Stamm, entasteten und entrindeten ihn, hackten die Äste, Zweige und Blätter, bis der Baum nackt und bloß war.

Und dieser nackte, bloße Rest wurde möglicherweise nach Wels gebracht. Denn ein neuer Baum war entstanden und ein neuer Name wurde ihm gegeben, damit er einem neuen Zweck dienen konnte: Ein Maibaum sollte er von nun an sein und dem Menschen den Frühling einläuten.

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Und so trafen sich einige Menschen am Pollheimerpark. Sie trugen Goldhauben, die kunstvoll aus Pailletten, Lahn und Flitter gestickt waren und Trachtenhüte mit dem Rückenhaar erwachsener Gamsböcke. Die Menschen, manche von ihnen so alt wie der Baum es war, kamen, weil sie immer gekommen waren, weil ihre Vorfahren es so getan hatten. Und wenn man etwas nur lange genug tat, so wurde es Tradition.

Eine Blechblaskapelle blies in ihre Blechblasinstrumente. Der Zug der Menschen verstand dies als Signal und setzte sich in Bewegung. In Zweiergruppen durchschritten sie den Ledererturm und zogen über den Stadtplatz, begleitet von Fahrradfahrern und den neugierigen Blicken der Kaffeehausbetreiber und Kebabbudenbesucher. Am Minoritenplatz schon endete der Zug. Stuhlreihen waren aufgebaut, die vorderen vorgesehen für die Goldhaubenträgerinnen. Die anderen, die Traditionalisten, die Politiker, die Gäste und Beschauer gruppierten sich in einem Halbkreis, dessen Zentrum der umgewidmete Baum war.

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Siebenundzwanzig und einen halben Meter – der halbe Meter war wichtig – streckte sich der Maibaum einem hellblauen, von nur wenigen Wolken beschlagenen Mittwochshimmel entgegen. An seinem unteren Ende waren rotblaue Bänder für den Tanz angebracht. Darüber dankte ein Schild der Spenderfamilie. In großer Höhe drei Kränze, an denen weitere Bänder flatterten, Kränze die als Sinnbild für das Weibliche stehen sollten, das vom männlichen Element, dem Stamm, durchdrungen wurde. Und oben, ganz an der Spitze, siebenundzwanzig und einem halben Meter vom Pflaster entfernt, ein Wipfel, der Sitz der Götter, der letzte Rest des Gewächs, die Kratz’n ein Bild dessen, dass der Baum einmal gewesen war.

Und während ein Mann lautstark pöbelte, wurde eingeweiht und gedankt, es wurde erinnert und beschworen, »Was gibt es schöneres als Tracht und Tradition?« wurde gefragt und auf die Feuerwehr verwiesen, welche den Baum aufgestellt hatte. Paare tanzten vor und um den Baum herum. Ab und an jauchzte einer von ihnen und ein Kind schrie weinend auf und musste von der Mutter vom Minoritenplatz getragen werden. Der Pöbler, ein stadtbekannter Mann, wurde entfernt und die Paare griffen nach den Bändern am Baum, die Frauen nach den roten, die Männer nach den blauen.

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Eine komplexe Beschwörung begann. Tanzend kreuzten die Paare die Bänder und erzeugten so Muster und Ornamente, die den Stamm verzierten. Netze mit gewaltigen Maschen entstanden. Ab und an ein weiteres Jauchzen, bis die Tänzer beschlossen, die Schönheit der Bänderverzierung wäre nun zu zerstören. Und so enttanzten sie das Muster, drehten die Zeit zurück, weil die Tradition es wollte.

Und wie wollte es die Tradition denn? Die Tradition wollte die Fruchtbarkeit. Die Tradition wollte den Frühling, sie wollte die bösen Geister vertreiben, sie wollte loben und rügen, sie wollte ausstellen, wollte dem Ort ein Fest schenken, sie wollte die Rinde des Baums geschält wissen, damit keine Hexen sich darunter festsetzen konnten.

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Die Tradition, sie roch nach Hopfen und Malz, sie roch nach Leberkäse und Senf, sie klang nach Blechbläsern und nach drei Strophen der Oberösterreich Hymne, die mit tiefen Stimmen intoniert wurde. Die Gamsbarthüte abgenommen standen die Menschen aufrecht, »Hoamatland, Hoamatland! han dih so gern Wiar a Kinderl sein Muader, A’Hünderl sein’Herrn« sangen sie, Worte, die von den Wänden des Minoritenklosters, des Magistrats und des Kreuzbeisls wie ein Murmeln und Rumoren vergangener Feste und Frühlinge zurückgeworfen wurden.

Und so ward der Maibaum aufgestellt. Einige Wochen würde er stehen, sofern es nur gelang, ihn vor den Angriffen anderer, feindlicher Gemeinden zu schützen. Seine Bänder würden flattern, sein Stamm würde glatt und gehobelt sein, Holz noch, aber befreit von Rinde, Ästen und Blättern.

Und es war Ezra, dem die Hände geschüttelt wurden, dessen Blick man wollte, der bewerten sollte, was gewesen war und wie nun gefeiert wurde, als Schreiber der Stadt ward er angesprochen und gebeten , vom Maibaum zu erzählen und das Fest zu würdigen.

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