21:00 Uhr | Sportsbar

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Man muss sich den Sportsbarbesucher als Mann vorstellen. Man muss ihn sich im Jackett vorstellen und im Kapuzenshirt, im karierten Hemd und im Trainingsanzug. Trägt er einen Trainingsanzug, einen dieser verwaschenen, schreiend bunten Fabrikate aus den 90er Jahren, muss man ihn sich mit Goldkette vorstellen, mit Schnauzbart und Minipli und einer Sonnenbrille mit orangefarbenen Gläsern. Auf jeden Fall aber muss er ein Mann sein.

Warum ich mir diesen Mann vorstellen muss? Weil ich in einer Sportsbar bin. Und in einer Sportbar bin ich, weil ich in Wels gewesen war. Beim ersten Mal in Wels war mein erster Eindruck der Bahnhof. Der zweite Eindruck die Traun. Der dritte Eindruck waren die Sportsbars. Wels, die Einkaufsstadt, die Messestadt, eine Stadt auch der Sportsbars. Sportsbar an Sportsbar. Überall Angebote voll von Fun, Topquoten, Cashpoints und Livewetten. Vielleicht war mein Blick damals auch getrübt. So, wie man überall Schwangere sieht, wenn man selbst schwanger ist. Aber ich bin ein Mann. Ich werde niemals schwanger sein. Aber ich werde Sportsbars sehen.

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Also sitze ich als einer dieser Männer in einer dieser Sportsbars. Meinetwegen mit Minipli, meinetwegen mit Schnauzbart. Und wie ich sitze. In meinem Bitter Lemon klirren Eiswürfel. Sie klirren nur, wenn ich das Glas bewege. Es zum Mund führe. So klirren Eiswürfel. Sie klirren, weil sie aneinanderprallen. Ein Geräusch entsteht. Steht das Glas still, schmelzen sie nur. Sie schmelzen während des Flimmerns. Und das Flimmern ist ebenso wie das Schmelzen allgegenwärtig.

Bildschirme flimmern. Natürlich. Was sonst. Screens flimmern. Nicht ein Screen, sondern viele Screens. Tennis auf den Screens, Eishockey auf den Screens, Basketball auf den Screens, auf dem großen Screen der Fußball. Auf weiteren Screens die Quoten. Zahlen tauschen sich aus, Restzeit, Over, Under, erstes Tor, Satz, Drittel. Lauter Zahlen, lauter Kommastellen. Um mich herum lesen Männer diese Kommastellen. Ihre Augen flitzen über die Kommastellen. Sie saugen sie flüchtig ein, interpretieren, leiten ab.

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Wer aus den Kommastellen etwas lesen kann, geht zum Automaten. Am Automaten wischen Finger über einen Screen, der auf Berührungen reagiert. Die Finger wählen aus, Sportart, Liga, Spiel, Art der Wette. Die Finger berühren, die Finger entscheiden. Die Finger zupfen Geld aus der Geldbörse, streichen es glatt, ein letzter Moment des Zögerns, eine letzte Gelegenheit, die Zahlen anders zu lesen. Die Finger schieben das Geld in den Automaten. Der Automat schluckt das Geld. Das Geld wird zu einer Zahl. Anstatt Geld hat der Lesende nun ein anderes Stück Papier in den Händen. Kein Geld mehr. Einen Wettschein halten die Finger nun. Der Wert dieses Papiers wird sich in Kürze zeigen. Wenn das Drittel gespielt, der Satz geschlagen, die Halbzeit beendet ist. Ein Schild weist darauf hin, dass die Kassa täglich geleert wird.

Das Spiel, das irgendwo da draußen in der Welt in diesem Augenblick geschieht und auf dem Screen abgebildet wird – also schon Abbild ist – hat sich hier in der Sportbar selbst von diesem Abbild gelöst. Sicher passiert gerade etwas. Jemand kämpft, jemand schwitzt, jemand setzt seinen Körper ein, jemand verliert ein Laufduell, jemand erweist sich als der Geschicktere, jemand schlägt den Puck. Aber das sind Nebensächlichkeiten. Von Bedeutung sind allein die Zahlen. Was auch geschieht – jede Körpertäuschung, jede Muskelspannung, jedes Laufduell – wird unverzüglich in Zahlen übertragen. Diese Zahlen sind die Quoten. Und die Quoten geben wieder, was die Männer in zehntausenden Sportsbars wie dieser sehen, wie sie das Gesehene einschätzen und wie das Gesehene ihre Erwartung an den Ausgang des Wettkampfs verändert.

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Ich muss nicht schauen, ob Lionel Messi den Ball über Manuel Neuer lupft. Ich muss nicht sehen, ob Neymar Philipp Lahm überläuft. Kaizer Chiefs Villa San Carlos Voléro Zürich Expreso Rojo Sportivo Trinidense HBC Nantes Fonte Do Bastardo CSD Flandria Ystad IF FBC Melgar. Ich muss nicht wissen, ob es diese Orte tatsächlich existieren oder ob es ausgedachte Buchstabenkombinationen sind.

Denn ich sehe die Quoten. Sie verändern sich. Sie zeigen mir, wer ein Spiel dominiert. So wandert der Blick des Sportsbarbesuchers, also mein Blick, unentwegt zu den Quoten. Mein Blick, der einer möglichen Zukunft gilt, schweift umher, unstet und saugend, immer auf der Suche nach der nächsten Zahl, die sich ändert und möglicherweise eine neue Gelegenheit schafft, aus der ich einen Nutzen ziehen könnte. Der Nutzen ist Geld.

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Geld spielt eine Rolle. Das Spiel spielt keine Rolle. Der Genuss des Spiels wird nicht nach meinen Emotionen bewertet. Der Genuss bewertet sich nach meiner Wette. Nur wenige Sätze fallen, während ich die Zahlen genieße. »Ich spiele heute gegen die Schweiz«, sagt ein Mann. »Rakitic hat mir heute gut gefallen«, sagt ein anderer und »Gut, Kollege, gut« und natürlich »Besser zweihundert gewonnen als dreihundert verloren.« Manchmal reicht ein »Gefährlich« aus. Alles ist gefährlich, wenn man auf die Zukunft setzt.

Während die Eiswürfel schmelzen, wird ein Siebzehnjähriger nach dem Alter gefragt. Er nennt die korrekte Zahl und damit die falsche für einen Ort wie diesen und wird deshalb von diesem Ort verwiesen. Nebenan glitzern die Maschinen des kleinen Glücksspiels. Dort braucht es nicht mal ein Spiel. Es braucht nur die unermüdliche, funkelnde, zitronenbildausspuckende Glücksmaschine. Ich gebe dieser Maschine Geld und diese Maschine verspricht mir für wenige Sekunden eine Zukunft. Nur selten tritt diese Zukunft so ein, wie ich es will. Seltener nur habe ich genügend Geld dafür.

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Wären alle Männer der Stadt an diesem Ort und würden alle Wettkombinationen tippen, dann würde einer alles gewinnen, manches einiges, einige wenig und die meisten würden alles verlieren. Dann gäbe es hier das größte Glück. Und die größten Unglücke.

Von den Eiswürfeln ist nichts mehr zu sehen. Die Quoten verschwinden vom Schirm. Der Wettschein wird zum wertlosen Stück Papier. Der Abend verdampft sich. Rauchschwaden bleiben. Die automatische Tür, deren Sensoren auf meinen Körper reagieren, müsste sich öffnen, weil ich meinen Körper vor ihre Sensoren bugsiere. Ein Sekundenteil beiderseitiges Zögern. Ich, weil ich gegen das Glas liefe, öffnete sich die Tür nicht. Die Tür, die sich nicht öffnet, weil die Sensoren mehr Bewegung von meinem Körper einfordern. Doch wie ich die Sensoren zufriedenstelle, kann ich auch hinaus treten in die Nacht, ganz und gar als Mann trete ich aus einer der Welser Sportsbars.

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