0:00 | ESC

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Regen ist der Feind. Feind aller Wüsten. Feind aller Frisuren. Vor allem aber Feind aller Events. Gerade wenn das Event draußen stattfinden soll. Also Public ist. Und dazu noch ein Viewing. Ein Public Viewing im Regen. Würde das EuroVisionAir, das ORF-Public Viewing des Eurovision Song Contest 2015 am Minoritenplatz in Wels einer solchen Feindseligkeit standhalten können?

Dieser Frage wollte ich nachgehen. Ich wusste von der Wahrscheinlichkeit. Der Wahrscheinlichkeit, überhaupt Samstag Abend die eigenen vier Wände verlassen zu wollen. Der Wahrscheinlichkeit, dies ausgerechnet für einen Gesangswettstreit zu machen. Der Wahrscheinlichkeit, an einem Samstag Abend zum Minoritenplatz zu gehen, um dort im dichten Regen stehend den ESC zu schauen.

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Die Wahrscheinlichkeit musste im Promillebereich liegen. Und wenn es um Promille ging, war der Stadtplatz Samstag Abend immer ein gutes Ziel. Ich machte mich auf den Weg. Trug lieber drei dünne Shirts als einen dicken Pullover, dazu die wasserfesten Schuhe und einen stabilen Schirm, gehalten von behandschuhten Fingern. Um von 0:00 Uhr schreiben zu können, musste ich schon eher vor Ort sein. Gewissenhaft wollte ich den Flair aufsaugen, Meinungsbildern nachspüren und genaue Beobachtungen machen, die ich später geschickt im Text einflechten konnte.

Der Stadtplatz war nicht leer. Der Minoritenplatz schon. Leer im Sinne von keiner einziger, der public viewte. NIEMAND. Keine Menschenseele. Einzig in einer der Holzbuden, die Kolbice mit Kraut und Speck verkaufte, wartete niedergeschlagen ein Verkäufer. Auf was, war unklar. Auf Kunden? Das Ende des Regens? Mit beidem war in den nächsten vier Stunden nicht zu rechnen. Wir alle hatten uns das anders vorgestellt.

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Ich suchte einen Platz, der zumindest einen Teilschutz vor dem hartnäckigen Regen bot. Die Fenster des Kreuzbeisls waren beschlagen vom Atem der dort Feiernden. Bass ließ die Scheiben erzittern. Auf dem Minoritenplatz zitterten nur Gliedmaßen. Kalt war es, weil es nass war und nass war es, weil es regnete. In Senken hatten sich Pfützen gebildet. Tropfen trommelten gegen das Pflaster und prallten von da ab, so dass es schien, als würde es von oben UND unten nass werden. Nass waren die Stühle, nass waren die Banner, nass war die Bühne, nass waren die Buden, nass waren die Menschen, die ab und an über den Minoritenplatz eilten. Nicht zum Minoritenplatz, sondern darüber hinweg. Über den Kopf gehaltene Handtaschen bedeckten notdürftig das Samstag-Abend-Ausgeh-Styling.

Hier würde nichts passieren. Sicher, auf dem großen Screen blitzte und flackerte es. Frauen klammerten sich an Mikrofone und präsentierten stolz ihre Brüste, Männer tanzten und präsentierten stolz ihre Brusthaare, animierte Wölfe heulten, Strichmännchen traten auf, im Sekundentakt farbliche Veränderungen epileptischer Lichtkaskaden, Stroboskopfeuer, Nebelschwaden, hunderte, von Roboterhänden gerichtete Spotlights. Aber all das geschah in Wien. In Wels hingegen geschah – nichts.

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Nichts ist nicht schlimm. Auch das Nichts kann interessant sein. Gerade, weil es das Nichts nicht gibt. Immer ist auch irgendwas. Und weil so wenig im Nichts passiert, kann das wenige plötzlich besonders groß wirken. Leider gab es hier nicht mal das wenige.

Ich stand also auf dem Minoritenplatz. Weil nichts war, kamen mir philosophische Gedanken. Ich dachte an Musik und wie sie wie alles im Wettbewerb gegeneinander stehen musste, damit es einen Sieger geben konnte und viele Verlierer. Ich dachte an das Glück der Menschen in Wien, die immer glücklich und winkend gezeigt wurden, sobald die Kamera auf sie gerichtet war. Ich dachte an die Nationen und wie erleichtert sie sein mussten, dass es Gelegenheiten wie diese gab, die helfen konnten, sich einer Nation zugehörig zu fühlen. Ich dachte an andere megalomanische Großprojekte, die sich mit Hunderten von Millionen Platz im öffentlichen Raum erkauft hatten und ich dachte an megalomanischen Großereignisse wie dieses eins war, das sich einen Platz in der Zeit kaufte und damit Erinnerungen und damit kostbarer als alles sonst sein musste. Ich wurde moralisch, ich wurde selbstgefällig, ich wurde zynisch, ich wurde ungehalten, ich wurde nass.

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Die Gedanken kamen wie der Regen und wie der Regen lösten sie sich auch wieder auf. Tropfen für Tropfen und keiner hinterließ eine Spur. Kleine Gruppen zumeist Jugendlicher torkelten zum Screen und ironisierten halbherzig die Singenden. Einige von ihnen kletterten auf die Bühne und führten dort ein trunkenes Spektakel auf. Paare erkannten das dramaturgische Potential des leeren Minoritenplatzes und fotografierten sich davor. Nicht, dass etwas davon aufregend gewesen wäre. Aber selbst dafür war ich schon dankbar.

Ich fand mich ab. Fühlte mich fast wohl, abgesehen von der Kälte, der Nässe, der Müdigkeit, der Fadesse. Einen Moment lang gab ich mich der Hoffnung hin, dass gerade die Abwesenheit eines Ereignisses ein Ereignis sein konnte. Ich wurde nachlässig. Diese Nachlässigkeit wurde umgehend bestraft. Auf dem sonst so entertainenden Screen erschien ein Standbild. Das Standbild zeigte das lilafarbende Logo des EuroVisionAir-ORF-Public-Viewings-Events. Der letzte am Ort verbliebene Verantwortliche hatte Verantwortung übernommen und die Übertragung abgebrochen.

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In wenigen Minuten hätte die Punktevergabe begonnen. Und wer auch nur einen Song Contest jemals gesehen hatte, wusste, dass es wenig Sinn ergab, den Song Contest nur wegen der Gesangsbeiträge zu sehen. Nun das schick designte, bewegungsarme, entertainlose Standbild. Und gleich darauf erlosch auch das. Ein schwarzer Vorhang zog vor den Screen. Die Botschaft war unmissverständlich. Der ESC war vorbei. Zumindest in Wels.

Es war 23:21 Uhr. Ich würde nicht nur nicht von einem vollen, ereignisreichen ESC-Public-Viewing am Minoritenplatz berichten, nein, ich würde nicht mal bis 0.00 Uhr bleiben und davon schreiben können. Der Abend war also in jeglicher Hinsicht gescheitert. Und war damit, wie ich am nächsten Morgen erfahren sollte, im Vergleich noch verhältnismäßig erfolgreich gewesen.

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