9:00 | Kirche

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Du willst nicht darüber schreiben. Du weißt, alles Kluge, alles Törichte, alles Notwendige dazu ist gesagt. Mehrmals gesagt. Aber hier musst du darüber schreiben. Du siehst, wie es die Spitzen der Kirchtürme weit in den Himmel treibt, so dass du sie von allen Orten aus sehen kannst. Du hörst, wie die Klöppel gegen die Glocken schlagen und ein Ton schwer und mahnend über den Dächern der Stadt kreist. Du hast bemerkt, wie die Kreuze in den Schulen und Gerichten aufgestellt sind.

Du weißt – und auch das ist keine neue Erkenntnis – dass sie deine Sinne will. Um deine Augen zu beeindrucken, errichtet sie gewaltige, zyklopische, granitverkleidete Bauten, die zweitausendfünfhundert Menschen fassen könnten, schnitzt den Feuersteinkreuzweg aus Lindenholz nach, haut in die Pieta den Heiligen Nikodemus und Johannes den Evangelisten, zeichnet in die Apsisfenster die Sehnsucht der ewigen Hügel und das Schlachtopfer der Sünder. Um deinen Geschmackssinn zu betören, legt sie Hostienleiber auf deine Zunge und tropft Traubenblut dazu. Um deine Nase zu entrücken, schwenkt sie Weihrauch. Sie berauscht deine Ohren durch die Orgel. Deinen Tastsinn will sie verführen durch die Perlen des Rosenkranzes und das Händeschütteln mit Fremden, wenn ihr euch am Ende der Messe »Der Friede sei mit Dir« wünscht.

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Die Religion bietet dir viele Stätten an, an denen du sie bei ihrer Ausübung betrachten könntest. Du entscheidest dich für die Neustadt. Du gehst hinter den Krankenhauskomplex zum Flotzingerplatz. Auf der Wiese der Herz-Jesu-Kirche liegen aus der Erde gebrochene Verkehrsschilder. Wolken sammeln sich um die Türme, bis ein zügiger Wind sie vertreibt. Vor dem Tor kniet ein Bettler. Du bemerkst, wie die anderen beim Eintritt schnell die Finger ins Weihwasserbecken tauchen, wie sie hastig ein Kreuz schlagen, wie sich einige flüchtig niederknien, kaum, dass ihre Knie dabei den Boden berühren, den Blick zum Tabernakel gerichtet. Dein Blick gleitet über eine Tafel, die von der erfolgreichen Spendenaktion zur Außensanierung und Innenrenovierung kündet und an gewinnbringende Flohmärkte erinnert, an Spender, die sechsstellige Summen gaben, eine Partei ist mehrmals vertreten, etliche Anonyme.

An den Seiten siehst du »Rettet die Seelen«, Fotos von Verstorbenen, verbunden mit kurzen Informationen über die nun einstmaligen Mitglieder der Gemeinde. Gegenüber entdeckst du Fotos von Neugeborenen, mögliche zukünftige Mitglieder. Tod und Geburt. Dazwischen liegt diese Kirche. An diesem Ort solltest du Trost dafür suchen und Zuversicht und durch deine wöchentliche Wiederkehr wirst du dir einen Rhythmus schaffen, der dich im Glauben lässt.

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Ein Glockenton läutet den Beginn der Messe ein. Die Gemeinde erhebt sich. Du wirst zu einem Zeichen für die Gegenwart Gottes. Um diese Zeit erwartet dich die Messe der Jungschar. Du versuchst zu hören. Das ist einfach. Du versuchst zu verstehen. Das gelingt schwerer. Denn wenn gesprochen wird, verlieren sich die Worte im Schiff. Der Hall verschluckt sie und damit auch ihre Bedeutung. Du musst sie interpretieren und ihnen einen eigenen Sinn geben.

Gleichzeitig gewinnen die Worte so an Bedeutsamkeit. Denn der Hall erweckt den Anschein, eine zweite Stimme würde zu dir sprechen, eine zweite Stimme, die aus der Höhe zu dir hinabreicht, eine Stimme ohne Körper, die mächtig ist und nicht zu hinterfragen. Und sagen hundert Stimmen zugleich das Glaubensbekenntnis auf, lässt der Hall tausend Stimmen sprechen und der zweite Hall, der durch den ersten wandert, macht aus tausend zehntausend Stimmen und dann glaubst du die ganze Welt hinter dir.

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Kerzen sind entzündet. Trotz des sonnigen Morgens brennen viele Lichter, denn die Kirche ist ein Ort, der selbst bestimmen will, was erleuchtet ist. Wenn der Priester spricht, unterbricht er seine Predigt und richtet Fragen an die Jungschar. Sie müssen dann mit »Bruder«, »Feind«, »Hass« oder »Liebe« antworten. Mit einem aus der Jungschar misst er sich im Armdrücken. Du siehst einen Blitz aufflammen, Fotos werden gemacht, immerhin Armdrücken in der Kirche.

Später spricht der Priester vom Frieden und vom Lachen. Er zieht eine, wie du findest, zweifelhafte Analogie zwischen dem heurigen Muttertag und dem gestrigen Gedenktag an das Ende des Zweiten Weltkrieges, in der er den Krieg auf einen Konflikt zwischen Hitler und Stalin reduziert. Du möchtest Einspruch erheben. Aber das ist eine Messe. Deine Stimme würde sich im Hall verlieren.

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Du sitzt, du hörst dem Gesang zu, erhebst dich ab und an mit der Gemeinde, lässt deinen Blick über die Darstellung des Kreuzwegs wandern, über die Beichtstühle mit den Namen darauf. Als sich die Gemeinde in drei langen Reihen teilt, um vom Leib Jesu essen und trinken zu können, bleibst du sitzen. Dein Sitzenbleiben wird registriert. Ein letztes Mal singt die Jungschar. Wie wichtig die Orgel für das inszenatorische Konzept einer Messe ist, offenbart sich, wenn die Gitarre spielt.

Ein letztes Knien, ein letztes Bekreuzigen, ein letzter Blick auf die geretteten Seelen. Dann öffnet sich die Tür. Draußen kniet noch immer der Bettler. Geld wird in diesen zweiten Klingelbeutel geworfen, was du mit seltsamer Genugtuung registriert. Im Anschluss an die Messe findet ein Muttertags-Jazz-Brunch statt, musikalisch untermalt vom Wösblech-Delüx. Du magst keinen Brunch, du magst vielleicht Jazz, du bist keine Mutter, also gehst du nicht dahin.

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Am Nachmittag gehst du aber erneut Richtung Flotzingerplatz. Doch diesmal biegst du eine Querstraße zuvor ab. Dort liegt das Gebetshaus der albanischen Muslime. Eine nächste Religion. Auch vor ihrem Haus wird gebaut. Um eintreten zu können, gehst du über den Hof. Ein Vortrag über Bildungschancen wird gehalten, Politiker sind anwesend. Du ziehst deine Straßenschuhe aus und betrittst den Gebetsraum. Deine Füße sinken auf dem Teppich ein. Du gehst die Bibliothek ab, Bücher sind hinter Glas gestellt, studierst die Bebauungspläne an den Wänden.

Im Café wird dir ein Tee angeboten. Ein Drittel des Glas wird mit Zucker gehäuft, heißes Wasser aufgeschüttet. Im Hof ein Stand, Gebäck wird verteilt, das die Anwesenden von Papptellern essen. Frauen suchen Zuflucht in den Schatten, die Männer lassen sich mit den Politikern fotografieren oder umgekehrt. Kinder häufen Bakllava in großen Mengen auf ihre Pappteller und entziehen sich geschickt den Blicken der Erwachsenen. In der Sonne stehst du mit dem Süßen, als nebenan die Glocken der Herz-Jesu-Kirche schlagen und ein Ton wieder schwer zu kreisen beginnt.

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