2:00 | Ovilava

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Ich suche Ovilava. Als ich es finde, ist es ein Stück Gestein. Der Stein steht nah der Gleise. Ich lege meine Hand darauf. Ovilava soll zu mir sprechen. Die Nacht kurz vor ihrer tiefsten Schwärze. Die Straßen leer, Ampellichter blinken gelb. Nichts spricht zu mir.

Dabei muss Ovilava hier sein. Die Geister müssen hier sein. Sie gehen durch mich, während ich am Stadtmauerrest stehe und warte. All die tausend mal tausend mal tausend Tage voll von Geschichten, all die Biografien, die kleinen und großen Glücksfälle, all das Leid und das Scheitern und die Schuld. Der Tag wird kommen, an dem mehr Menschen gelebt haben als noch leben werden. Dann werden die Geister in der Mehrzahl sein.

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An der Roseggerstraße Brachland. Früher war das Café Urbann hier. Ich hebe den Bauzaun beiseite und steige über die Stadtmauer hinweg. Weiße Steine im Boden. Eine Straße, auf der Römer einst entlangzogen, mit schwerem Kriegsgerät vielleicht. Der Prokonsul war eingesetzt, legatus Augusti pro praetore, praeses im Noricum Lauriacum der Diözese Illyricum. Der Römer war pater familias war Herr war Richter war Priester war patria potestas war im Recht, die Familie zu Sklaven zu machen, war im Recht, sie zu töten. Auf dieser Straße kam für den Civitas Romana Seide aus China, Gewürze aus Indien, teraa sigillata aus Gallien. Heute das sich selbst überlassene Brachland.

Hinter dem Bahnhof das Gräberfeld. Viele hundert Meter lang ein Ort für die Toten. Hier waren Liebespaare Arm und Arm gebettet, Feinde in ewiger Feindschaft, Kinderkörper lagen da, die glücklich Enthaupteten, die Verstoßenen und deshalb lebendig Begrabenen, die mit Händen gegen das Erdreich drückten und nicht mehr durchdringen konnten. Hier waren Münzen, Keramikschalen, Ketten und Räucherkelche beigegeben. Sie sollten in die nächste Welt geleiten.

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Ich stelle mir vor, mit bloßen Händen in der Erde zu graben. Vorstoßen in die Vergangenheit. Alles könnte ich finden. Dieses Kribbeln, was zu entdecken wäre. Einen bronzenen Pferdehuf vielleicht, bald darauf das Bein eines Reiters. Eine Venusstatue, die aus dem Schaum des Meeres Geborene, eine Strähne ihres Haares in der Hand haltend, Ursa, die gläubige Christin. Graben und etwas ans Tageslicht bringen und ewige Gewissheiten ins Wanken bringen.

Es ist kalt. Wer unterwegs ist, der eilt. Blicke sprechen Verdächtigungen aus. In diesem Vorgarten steht hinter Hecken ein Sarkophag. Beim Renovieren gefunden und nun ausgestellt. Unter allen Häusern Sarkophage, unter allen Häusern schlafende Geister. Ich passiere eine Schranke und betrete den Innenhof einer Bank. Hinter Glas verborgen weitere Reste der Mauer. Deutlicher wird, was einmal innerhalb der Stadt lag und was davor und wie draußen von drinnen getrennt wurde. Wäre nicht Nacht, würde ich nun zur Schwesternschule aufbrechen und durch im Boden eingelassenes Glas auf die alte Therme schauen.

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Gibt es ein stärkeres Bild dafür: Vergangenheit ist, worauf wir uns erschaffen. Gelebt und zerstört, verfallen und vergangen. Geschehen ist einst etwas und selten bleibt ein kleiner Rest davon. Aber diese Vergangenheit trägt uns. Vergessen wir das, sacken wir weg, fallen wir kilometertief in absolute Schwärze. Tief würde Dunkelheit uns dann umfangen, dunkler, kälter als diese Nacht. Was die Stadt jetzt ist, war früher etwas anderes gewesen. Osiris, Isis, Horus, Anubis, Jupiter Optimus Maximus Doliechenus, Baal, Mithras hießen Götter einmal.

Die heute so wichtigen, teuer erkauften, hart umkämpften Parkplätze, Verkehrsinseln und Supermärkte werden Ruinen sein, all die Kulturhäuser, die mit eigenen Händen gezimmerten Lauben und Wochenendhäuser, die gepflegten Vorgärten und getaggten Wände. All die gelebten Leben – kaum jemand wird sich dafür interessieren. Kaum jemand wird überhaupt wissen, dass einst etwas gewesen ist. Was war, wird von Erdschichten bedeckt sein.

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Was heute ist, wird vergessen sein. Der Zufall wird bestimmen, an was sich erinnert wird. Willkürlich diese Auswahl, die in ferner Zukunft für heute stehen wird. Vielleicht legen Cyborghände in dreihunderttausend Jahren eine dieser wasserabweisenden Plastiksackerl frei, welche die kostenlosen Zeitschriften verstauen, und leiten daraus das Wissen über uns alle ab. Heute Österreich wird sein, was für uns spricht.

Ovilava bleibt eine Ahnung. Geister gleiten durch die Stadt. Einer von ihnen werde ich sein.

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