11:00 | Puchberg

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Und in meinem Kopf ein Leuchten und dieses Leuchten wird zu einem Schemen und aus dem Schemen entsteht ein Bild hinter meinen Augen und damit es dort nicht verlischt, finde ich dafür ich ein Wort und ein zweites Wort kommt hinzu und ein wundersames Licht leuchtet das Dunkel aus und der Schemen schält sich heraus und ein drittes Wort wird notwendig, um das Gesehene zu beschreiben, ein viertes und ein Satz entsteht, ein Absatz und eine Figur erwacht zum Leben und eine Figur leidet und sehnt sich und beeinflusst das Leben anderer Figuren und die Figuren sprechen miteinander, berühren sich, verfeinden sich, begehren sich.

Und ein Kapitel ist entstanden und ein Ort ist gefunden und damit er erfunden sein kann, muss auch er beschrieben sein und eine Welt wird gebaut und in dieser Welt bewegen sich die Figuren, die nun Menschen sind und diese Menschen gehen ihren Weg, sie gehen unter und irgendwie voran und irgendwann beschließe ich, dass es nicht mehr von diesem Weg zu wissen braucht und lege ein Ende fest.

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Und dieses Ende ist ein Anfang, denn diese Welt besteht aus mindestens 26 Zeichen und diese Zeichen werden gedruckt und können somit von allen entziffert werden und ein Buch kann entstehen und dieses Buch wird zu einem Produkt und ein Produkt kann mit Geld erworben werden und vielleicht erwirbt die Bibliothek in Wels dieses Produkt und vielleicht gibt sie dieses Produkt in einen Bus, in dem zehntausend solcher Produkte in Regalen aufgestellt sind.

Und der Bus fährt an einem Morgen im Mai los und fährt in den Norden der Stadt, unterquert die Autobahn, ist auf dem Land, die Felder sind weit, der Himmel ist weit, Bäume verbergen ein Schloss und erst wenn der Bus Puchberg erreicht, ist das Schloss zu erkennen und der Bus wird hier nicht halten, er wird weiterfahren, eine private Straße vielleicht, die für ihn jedoch freigegeben ist und vor einer Schule wird er parken, möglichst so, dass das Gebäude nicht die Internetverbindung stört, denn die Internetverbindung ist hier schwach, denn die Internetverbindung braucht es, damit die Produkte ordnungsgemäß verbucht werden können.

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Und die Türen des Busses öffnen sich und Kinder stürmen in den Bus und stehen vor den Regalen, die mit bunten Titelbildern, verheißungsvollen Namen und manche auch mit Glitzersternen locken. Kinder stehen vor zehntausend Produkten und dennoch greifen ihre Hände mit traumtanzender Sicherheit nach dem für sie passenden Produkt und schlagen die erste Seite auf und beginnen zu lesen – »Ripple Baxter umarmte den mit Muscheln eingefassten Spiegel im Wohnzimmer des im Strandlook dekorierten Häuschens, das ihr Vater für den Sommer gemietet hatte« oder »Ausgestreckte Krallen funkelten im Mondlicht« oder »Heute blickte sie schon wesentlich entspannter auf die Felder und Wälder, die unter ihr vorbeizogen« und in diesem Moment, wenn sie die Zeichen entziffern und wenn sich ein Leuchten in ihrem Kopf ausbreitet, wird das Produkt kein Produkt mehr sein.

Das Produkt ist nun wieder eine Welt.

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Und diese Welten in Form von Büchern werden an fünf Vormittagen der Woche an die Schulen der Stadt gebracht, in die Neustadt oder Lichtenegg, in die Pernau oder Noitzmühle. An den Nachmittagen steht der Bus in der Knorrstraße oder in Höllwiesen, vor der Pfarrkirche oder der Flurgasse. Geschichten gäbe es zu berichten, von Neunzigjährigen, von pensionierten Polizisten, von plätzchenbringenden Damen. Davon kann heute nicht die Rede sein, denn heute steht der Bus in Puchberg.

Puchberg bei Wels heißt es manchmal, obwohl Puchberg längst Wels ist. Puchberg ist vielleicht der Teil der Stadt, der am wenigsten nach Stadt aussieht. Hinter jedem Haus das weite Feld und der weite Himmel, Wege verirren sich in hohem Gras und Baumgruppen, die wenigen Straßen enden augenblicklich, die Bauernpartei hat hier mit Bedacht ihre Wahlwerbeplakate aufgegangen. Die Gehöfte und Wohnrückzugsorte liegen fügsam neben dem zu einem Bildungshaus transformierten Renaissanceschloss. Im Innenhof dennoch noch immer eine Statue des Neptuns, die Zwiebeltürme frühbarock, im Spiegelsaal vier Medaillons »Freuden des Landlebens«. Wer nach Puchberg kommt, dem ist Hektik des urbanen Wels zu viel.

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Die Puchberger Schüler sind im Bus. Sie haben genaue Vorstellungen, was ihnen wichtig ist, in welche Welt sie tauchen möchten, worüber sie lachen werden und sich auch ein wenig gruseln wollen. »Beast Quest« steht hoch im Kurs, die Kinder tauschen die verschiedenen Teile der Reihe untereinander. Nach Spinnen, Schlangen und Krötensachbüchern wird gefragt, nach Krantechnik, Naturkatastrophen, Römern, Rittern. Lucky Luke ist dabei, Kommissar Kugelblitz, die Glamour-Clique, Sternenfohlen und Sternenschweif, die Warrior Cats. Ein kleines Mädchen leiht sich »Der Ernst des Lebens aus«.

Noch im Bus werden die Seiten aufgeschlagen. Die Kinder lesen sich ein, sich gegenseitig vor, sie hocken sich auf die Treppenstufen des Bus. Aus dem Computer geht hervor, dass ein Junge heute Geburtstag feiert. Er bekommt eine Schwedenbombe überreicht.

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Immer neue Klasse flitzen aus der Schule, die, gäbe es das Schloss nicht, sicher das höchste Gebäude im Ort wäre. So unberührt im Land ist sie gelegen, dass viele aus der Stadt ihre eigenen Kinder gern hier her schicken wollen, aber nicht können, weil sie in der Stadt wohnen und manche das dennoch schaffen, weil das Unberührte, das die Welt aussperrt, wichtig ist, gerade wenn es um das Wohl der eigenen Kinder geht. Den Bücherbusfahrern wird Kaffee gebracht, auf den Untertellern liegt jeweils ein Merci, grüne Haselnuss das eine, rotes Marzipan das andere.

Zweieinhalb Stunden steht der Bücherbus vor der Volksschule von Puchberg, seit dreißig Jahren steht und fährt dieser Bus. Dann bricht er auf, denn ein Kindergarten muss noch angefahren und am Nachmittag die Flurgasse und nimmt so die Welten wieder mit aus Puchberg.

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