13:00 | Theater im Greif

wagner-16

Auch Wagner hat seine Berechtigung. Es ist nach dreizehn Uhr am Mittag. Gerade kommen sich Tannhäuser und Elisabeth in der Halle der Sänger romantisch näher. Die Halle der Sänger befindet sich auf der Bühne des Theaters im Greif. Hier geschieht die Generalprobe des Richard-Wagner-Festivals von Wels.

Die Loge ist etwa zur Hälfte mit interessierten Besuchern gefüllt, einige Wagnerianer werden darunter sein. Viele in etwas schickerer Freizeitkleidung, manche in Jacketts, aber auch T-Shirts von Reggaebands sind zu sehen. Ein älterer, kräftiger Herr mit dem dekadentesten aller Kleidungsstücke – einem Tuch, das um den Hals geschlungen und in den Ausschnitt des Hemds gestopft ist – trägt ein weißes Baseballcap. Mit dem Cap zu Wagner. So etwas ist nur in einer Generalprobe möglich. Manche haben die Tannhäuser-Partituren auf den Knien liegen. Das ist immer möglich. Eine Reihe vor mir sitzen zwei Damen, die distinguiert über den Unterschied zwischen Dorfeinwohner und Stadteinwohner sprechen. Es lässt sie nicht nur sympathisch erscheinen.

wagner-15

Das Bühnenbild ist so dreidimensional wie eine kolorierte Stereoskop-Postkarte aus dem frühen letzten Jahrhundert. Räumlich der Venusberg und der deutsche Wald, prächtig farbenfroh die Kleidung der Minnesänger, der Landgrafen, Pilger, Edelleute und Nonnen. Nebel zieht durch das Gehölz und wallt ins Orchester. Die Fingerspitzen der Schauspieler streichen über Leiern und simulieren ein Spiel, während die Harfenistin im improvisierten Orchestergraben den Klang dazu liefert. Ab und an kurze Irritationen, wenn die verborgene Harfe zupft und auf der Bühne der Leierspieler eine Sekunde zu spät die Simulation startet.

Sowie die Venus zu singen beginnt, wechselt der Baseballcapherr mit dem Nachbarherren einen vielsagenden Blick. In diesem ausgetauschten Blick liegt die Erfahrung zweihundert gehörter Wagneraufführungen, die es den Herren möglich macht, schon am ersten Ton ein qualitatives Urteil über die Wertigkeit des gesamten Stücks fällen zu können. Tonaufnahmen und Fotos vom Stück selbst wird es keine geben, ein Verbot hängt aus.

wagner-5

Bilder entstehen dennoch. Und diese Bilder unterliegen dem Anspruch des Richard-Wagner-Festivals, Wagner im heiligen Original zu spielen. Auf der Bühne kann nur sein, was auch im Stück steht. Diese Maxime soll ein Mittelfinger sein, der stolz dem Regietheater entgegengestreckt wird. Der Mittelfinger wird in Wels gestreckt. In Oberösterreich bekommt man also zu sehen, wie es vor über hundert Jahren gedacht war. Wie es vor hundert Jahren war, so soll es auch heute sein. Kunst wird eins zu eins übertragen, üblicherweise das Ende von Kunst und die Geburt von Künstlichkeit.

Nach jedem, etwa einstündigen Akt, schließt sich der Vorhang. Geklatscht wird, der Saal erhellt sich und die Generalprobenbesucherinnen strömen aus dem Theater hinaus ins Freie. Vor dem Hotel Greif stehen sie im Schatten, denn die Mittagssonne brennt heiß, unwirklich hell nach der eben erlebten bedeutungsschweren Düsternis der Szenerie. Einige haben vorausschauend Proviant mitgebracht, denn wer zu Wagner geht, sollte immer an Proviant denken, so, als würde er tagelang durch eine Wüste wollen. Andere, die weniger vorausschauend waren, eilen ins Backwerk am Kaiser-Josef-Platz und holen sich ein Schinkenbrötchen.

wagner-12

Mit Schinkenbrötchen und Mineralwasserflasche stehen die Mittagswagnerianer vor dem Hotel Greif und diskutieren das Gehörte und Gesehene. Man hat geklatscht, sicher, aber man hat auch Anmerkungen. »Der Schmus war schon a bisserl langatmig«, sagt eine Dame und man nickt zustimmend. Auf dem Hof des Hotels genehmigen sich die slowakischen Musiker eine Pause. Die Pilger in ihren Kutten stehen einträchtig beieinander. Am Merchandisingstand werden Erinnerungsshirts verkauft. Für fünfzehn Euro könnte ich die Erinnerung an den originalen Tannhäuser für ewig stolz auf meiner Brust tragen.

Im Treppenaufgang eine Wagnerbüste. Ein eingerahmtes Schriftstück bestätigt, dass Wolfgang Wagner hier gewesen ist. Und ein weiteres, ebenfalls gerahmtes Schriftstück, auf dem Wolfgang Wagner seine Freude darüber ausdrückt, dass hier in Wels eine solche traditionelle Wagnertradition entstanden ist. In anderem Gerahmten wird von der Historie des Theaters erzählt, den Roundtables, den großen Aufführungen, Stars wie Herbert Fux haben in Gästebücher geschrieben. Eine Erinnerung gehört dem Programmkino, das hier untergebracht war, bis es ins Medien Kultur Haus zog. Staub sitzt auf diesen Erinnerungen, denn Theater wird seltener noch bespielt.

wagner-3

»Wagner hat auch seine Berechtigung« steht als erster Satz. Dieser ist nicht als Provokation gedacht, nicht als Hofieren. Denn wenn es einen Soundtrack bräuchte für Nebel, der unheilkündend durch düstere Wälder wallt, dann wäre Wagner mein Mann. Wagner wäre auch mein Mann, wenn ich eine Playliste zusammenstellen müsste, welche eine sogenannte »deutsche« Seele beschreiben sollte (dabei wären außerdem Herbert Grönemeyer, Doro Pesch, die Amigos und Boney M). Wagner wäre nicht mein Mann, wenn ich Freude, Glück, Feinsinnigkeit oder Integrität zum Ausdruck bringen wollte.

Dreimal die Pauke geschlagen, zweimal die Streicher gezupft, einmal das Libretto angesungen und ich habe ein deutsches Gefühl. Die Bilder sind da. Das Schwere, das Mystische, das Ewigliche. Ist dieses Gefühl da, weil andere dieses Gefühl darin entdeckt zu haben glaubten und ich nun nachfühle, was andere vorfühlten? Oder ist dieses Gefühl da, weil es tatsächlich in der Musik liegt, dieses bedeutungsdumpfe, dieses kyffhäuserhafte? Die deutsche Kanzlerin legt sich nur selten fest. Aber einmal im Jahr geht sie nach Bayreuth. Denke ich an Wagner, denke ich auch an den Satz von Woody Allen: »Immer wenn ich Wagner höre, überkommt mich der Drang, Polen zu überfallen«.

wagner-1

Zwischen dem zweiten und dritten Akt ermüden solche Überlegungen. Die Zeit wird mir lang. Zum allerersten Mal in meinem Leben beschließe ich, lange Zeit mit der Nutzung eines Smartphonespiels zu überbrücken. Die Wahl fällt auf »Teeter« – ein Ball muss durch ein Labyrinth bugsiert werden und darf dabei nicht in schwarze Löcher fallen. Dafür muss ich das Smartphone austarieren, die Sensoren des Geräts werten meine Bewegungen und setzen sie für das Spiel um.

Ich gelange nur bis Level Fünf, komme dafür aber durch den dritten Akt. [Spoiler] Elisabeth stirbt, Tannhäuser stirbt. [/Spoiler]. Der Applaus hält an, einige Bravorufe. Gemeinsam eilt man durchs Foyer hinaus in die Nachmittagssonne. Schüler auf dem Weg zu den Bushaltestellen am KJ-Platz passieren die Straße vor dem Hotel Greif und wundern sich über die Erwachsenen, die mit Schinkenbrötchen in der Hand zufrieden aufgeregt miteinander diskutieren.

wagner-8

wagner-10wagner-7

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s