22:00 | Park Wimpassing

Wimpassing-5Parks sind radikale Orte. Nirgends sonst zeigt sich das flatterhafte Wesen der Zeit so harsch wie hier. Setze einen lichten Sonntag Nachmittag in Vergleich zu einer düsteren Dienstag Nacht. Setze das sorgenlose Entspannen von Familien, die auf ihren Decken liegend picknicken in Vergleich zum Schauder einer diffusen Dunkelheit zwischen den Bäumen. Ein Ort ist liebreizend, ein Ort ist beklemmend. Wie radikal nimmt sich der Wimpassinger Park dabei aus?

Zuerst einmal ist Sonntag Nachmittag. Eine Freizeitanlage liegt im Sonnenschein. Radwege führen dahin, Parkplätze bieten ausreichend Platz für Parkplatzsuchende. Im ausgetrockneten See steuern Väter mit ihren Söhnen Drohnen und lassen sie in den Himmel steigen. Im Drohnenradius eine Baumgruppe, bei der zahlreiche ältere asiatische Frauen mit gewaltigen Kühlboxen sitzen und auf den Holztischen Essen für einen Nachmittag ausgebreitet haben. Ihre Männer, Söhne und Enkel messen sich wenige Meter am Netz bei einem Volleyballspiel.

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Von da aus schwingt sich sanft ein Hügel empor. Ein Imbiss steht an der Seite. Wer draußen sein, aber nichts von den Menschen im Park mitbekommen möchte, verbringt Zeit im Biergarten. Die Hecken schützen vor Blicken. Zu hören ist Schreien von Kindern, die sich zur Freude von Erziehungsberechtigten auf den Pendelschaukeln mit Reck verausgaben. Auf der Wiese gegenüber des Wegs liegen die oben erwähnten Familien, behalten den Nachwuchs im Auge und faulenzen in der Sonne, manche in den Baumschatten nahe der Zweiturmkombination mit den futuristischen Rutschen. Dahinter schließt sich der Dirtplace an, aus Hügeln geformte Schanzen, auf denen BMX-Banditen ihr Können testen können. In den Büschen dort tritt man auch aus.

Hinter den Büschen ein See. Eine der Ecken beanspruchen Angler. Liebespaare schlendern Hand in Hand am Wasser entlang. Zufrieden sitzt ein Mann auf einer der wenigen Bänken und streckt seinen behaarten Rücken der Sonne entgegen. Die Pigmente der Haut sollen sich verändern. Geht man weiter, kommt man zu einem umzäunten Hundepark. Noch weiter hinten im Schatten halten sich weitere junge Paare, diesmal nicht nur an Händen. Zecken lauern an Grashalmen.

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Doch einmal wird es dunkel. Und wer in der Dunkelheit in einen Park geht, kann keinen redlichen Grund dafür haben. Keine sonntagszufriedenen Familien mehr, keine beglückt rutschenden Kinder. Sicher, es wird auch zu dieser Zeit Liebespaare geben, welche die heimlichen Stellen suchen, die der Park so verschwenderisch bereithält. Melodramen im Gebüsch. Aber wer sonst sollte sich nachts im Dunkeln aufhalten wollen? Worauf würde er warten? Was für Absichten hätte er?

Sicher keine ehrbaren. Jeder wäre verdächtig. Jeder Schritt auf dem Weg, jedes Knacken von Ästen, jeder Windzug, durch die Blätter geht, selbst das Plätschern des See wäre die Geigen in »Psycho«. Der Auftakt zu etwas Schrecklichem. Unheil kündigt sich an. Wie von selbst beschleunigten sich die Schritte, der Atem sowieso schon längst rastlos. Nachts ist der Park kein guter Ort. Er mag mystisch sein im Vollmondlicht, aber er ist Heimat des Schrecklichen.

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Dabei müsste ich im Dunkeln nicht im Park sein. Ich muss nicht mal im Wimpassinger Park sein. Wels hätte noch andere Parks zu bieten. Da ist der repräsentative Volksgarten mit der gesunden Gradieranlage, der historischen Tabak Trafik, der asphaltieren Festwiese, all den Wegen, die zu wichtigen Einrichtungen führen. Der Pollheimerpark hingegen duckt sich weg. So nahe des Stadtkerns und doch kein Teil davon. Hier eilt durch, wer zur Traun will. Zum Verweilen aber ist er nicht gedacht. Dystopisch der Traunpark, der kein Park ist, sich aber das Wort »Park« geborgt hat, um von Klang und Assoziation zu profitieren. Nun ist er ein vergangener Platz, eine Ruine, die von einer ökonomischen Utopie erzählt und Sinnbild deren Scheiterns ist.

Faszinierend ist der Gaswerkpark nahe des Zentrums. Erscheint er doch ein wenig strebsam mit seinen mit Rindenmulch gefüllten Freiflächen, dem eingezäunten Spielplatz, dem ausgedünnten Rasen. Wenn Minderjährige beim Basketballplatz rauchend sitzen, kommt Leben in diesem Ort, bei dem man sich fragen könnte, ob der Zaun nicht das Drinnen vor Draußen schützen soll. Gerade deshalb ist Ezra sehr gern hier; er kauft vier Kugeln Eis in der Bäckergasse, schnappt sich unterwegs die Ausgabe eines kostenlosen Tabloids und verbringt dann mehrere halbe Stunden pro Wochen im Gaswerkpark.

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Noch aber bin ich es, der ist. Ich bin im Wimpassinger Park. Das Smartphone ist angeschaltet, um Kontakt zu einer Welt zu haben, die ausgeleuchtet ist. Müsste ich jetzt nicht hier sein, wäre ich woanders. Die Pflicht hält mich im Dunkel. Sorgsam notiere ich meinen Pulsschlag, den kalten Schweiß, die Bilder, die entstehen und mich vorausschauend schon ängstigen. Es können Tiere sein, es können Menschen sein, es kann der Wind sind, es können Schleuderfahrten auf dem Parkplatz sein. Alles wird zur Bedrohung, wenn mir das nur vorstelle. Andersrum funktioniert es leider nicht.

Geruch zieht zu mir. Fleisch. Jemand grillt. Seltsamerweise tritt augenblicklich Beruhigung ein. Denn: Wenn im Wimpassinger Park gegrillt wird, kann es so oarg mit der Dunkelheit nicht sein.

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