19:00 | Gemeinderat

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Passieren wir das Welios, gehen wir in den Volksgarten, sehen wir die Pracht der Blumen, kommen wir nicht umhin, die Stadthalle zu bemerken. Was ist das für eine Halle, fragen wir uns, sie trägt den Namen der Stadt, was geschieht in solch einer Halle? Plakate geben Auskunft, zur Not auch Google: Maturabälle, vertonte Überblendshows, Shaolinmönche-Material-Art-Veranstaltungen, unvermeidliche Musicals finden hier statt. Zudem: Sitzungen des Gemeinderates.

Nehmen wir doch das. Nehmen wir eine Gemeinderatssitzung.

Der Raum ist geteilt. In den hinteren Sitzreihen sitzen wir, das Volk. Vorn handeln in unserem Interesse unsere Vertreter, die Volkstreter, die Politiker. Vorn sitzen also auch wir. Volksvertreter ist keine gottgebene Position. Wir entscheiden, wer vorn sitzen soll. Also sind am Ende auch wir verantwortlich dafür, was gesagt wird und wie es gesagt ist.

Wir wissen, dass Politik ein vertracktes System ist. Die Politik legt fest, wie sein soll, was uns umgibt. Deshalb geht es in der Politik um die Sache. Aber weil Politik nur der richtig machen kann, der über Einfluss verfügt, muss manchmal die Sache auch helfen, den eigenen Einfluss abzusichern. Dann geht es nicht um die Sache. Sondern um Einfluss.

Wir wissen das und dennoch vergessen wir das oft, wenn uns gesagt wird, etwas sei gut für die Menschen (also uns), gut für die Stadt, gut für die Kinder, gut für die Bildung, gut für die Sicherheit, gut für das Glück, gut für die Zukunft – und was uns sehr oft gesagt wird – gut für die Arbeitsplätze. Und wenn uns das gesagt wird, können wir uns diesen Argumenten nicht verschließen, denn alles ist zulässig, wenn es nur gut für die Arbeitsplätze ist.

Wir wissen, dass eine Gemeinderatssitzung transparent sein muss. Dennoch sind wir überzeugt, dass vieles schon beschlossen ist, bevor es beschlossen wird. Aber wir wollen glauben, dass sich Schauspiel und Transparenz die Waage halten könnten. Auf einer solchen Sitzung wird etwas gesagt werden. Wir wissen, dass es mit dem Gesagten gilt, eine Position zu beziehen. Oder es gilt, eine Position zu vermeiden, aus Furcht, uns mit einem Standpunkt verprellen zu können. Jeder wägt das sorgsam ab.

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Es muss also gesprochen werden, um uns zu überzeugen. Also hören wir genau hin. In der Stadthalle ist ein Bart so lang wie der von Abraham. Fell wird verteilt, bevor ein Bär erlegt ist, denn das ist keine Insel der Seeligen oder gar Huschpfutsch. Immer ist jemandem die Bevölkerung wichtig.

Mit Augenmaß wird geschaut. Mit fliegenden Fahnen müssen Konsequenzen gezogen werden. Man fordert vehement, mit dem Thema nicht zu spielen, sonst wäre es eine Farce. Oft gibt es einen Tenor und ebenso oft statistische Zahlen. Oft spricht nichts dagegen, außer etwas. Oft will wer was auf Schiene bringen. Oft hat sich jemand bei einem Thema bewegt. Ein Thema muss nah am Bürger sein, denn ein Thema darf kein Wahlkampfgeplänkel sein.

Oft hat es sich erwiesen dass. Noch öfter ist es wichtig, dass man festhält, dass. Etwas muss jedem klar sein und etwas hat keinen Platz hier. Man muss sich zu Wort melden, hat schwere Bedenken und möchte nicht hinter dem Berg halten. Man möchte dem Kollegen recht geben und man muss dem Kollegen widersprechen. Man will Wels nicht schlecht reden, um das Image der Stadt nicht zu schädigen. Man findet etwas ungeheuerlich. Man gibt ein klares Bekenntnis ab. Man möchte etwas zu bedenken geben. Man sieht etwas so ähnlich.

Man ist gemeinderatshörig. Man fährt einen Kurs. Man ist dafür, dass die Menschen. Man ist grundsätzlich für etwas, außer wenn man gegen etwas ist. Man ist sich einig, ist anderer Meinung oder auf einer Welle geritten. Man will einen Pflock einschlagen, mit dem Zaunpfahl winken und weniger bürokratisch handeln. Man schließt sich an, denn in Zeiten des Internets ist das der Stand der Dinge. Man stellt spontan einen Antrag zur Geschäftsordnung und man verlangt eine Gegenprobe.

Wir hören den Unterschied, wenn »Meine Damen und Herren« gegrüßt werden und wenn »Meine geschätzten Damen und Herren« und vor allem »Meine sehr geschätzten Damen und Herren«. Je liebenswürdiger jemand mit »Mein lieber Herr Kollege« angesprochen wird, desto stärker ist unsere Vermutung, dass jenseits der Liebeswürdigkeit noch etwas anderes liegen könnte. Überhaupt wird oft jemand angesprochen. Meistens sogar wir. Uns wird Angst gemacht, uns wird Hoffnung gemacht, uns wird geschmeichelt. Man will uns ernst nehmen.

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Wir hören zu und wir schauen hin. Wer bei welchem Redner mit dem Nachbarn redet. Wer aufsteht und bei einer Rede demonstrativ den Saal verlässt. Wer dabei extra laut die Tür ins Schloss fallen lässt. Wie laut Stöckelschuhe auf dem Boden knallen können. Wer wann auf das Display seines Smartphones starrt. Wer uns ein Katastrophenbild von der Stadt zeichnet und wer ein Ideal.

Wir verstehen, dass, wenn eine Diskussion beendet werden soll, sie an den dafür zuständigen Ausschuss verwiesen wird. Hände gehen nach oben, Teile der Anwesenden sind sich einig. Es gibt ja nicht allzu viele Möglichkeiten, wie Abstimmungen verlaufen können. Mehrmals kommt es zu Abänderungsanträgen von Abänderungsanträgen.

Einmal wird uns auch Rederecht eingeräumt. Gegen achtzehn Uhr dürfen wir zu Wort kommen. Ein Bürger verschafft sich lautstark Luft. Andere Bürger standen zu Beginn der Sitzung vor der Stadthalle und hielten Plakate in die Luft. Ihnen waren Verkehrswege wichtig. Jetzt sind sie hier, um zu hören, welche Partei in ihrem Sinn argumentiert. Als argumentiert ist, verlassen sie umgehend die Halle. Sie haben nur Interesse an einem Thema. Bis zum Ende der Sitzung halten wenige durch.

Am Ende der Sitzung ist fast niemand mehr von uns da. Unsere Vertreter sind nun unter fast unter sich. Vier Stunden sind vergangen. Ein Schlusswort wird gesagt, ein letzter Eilantrag wird gestellt, weil der letzte Eilantrag besondere Aufmerksamkeit verspricht. Ein Widerspruch ist nun nicht mehr möglich. Als wir die Stadthalle verlassen, haben wir im Prinzip das Meiste schon wieder vergessen. Ein paar kleine Erinnerungen zucken noch in unseren Köpfen, eher Empfindungen als Gedanken. Wir möchten glauben, sie könnten genügen.

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