4:00 | Osttangente → Westspange

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Wels lag am Meer. Dafür brauchte es die Vorstellung, das Tosen der Autobahn wäre das Rauschen der See. Die nächtlich Reisenden, die in ihren metallenen Karosserien einem mir unbekannten Ziel entgegenjagten, verursachten tosende, meeresähnliche Geräusche. Diese Geräusche brandeten gegen die Lärmschutzwände. Es mussten Wellen sein, die anschlugen, Gischt, die über die Begrenzungen schäumte, es musste nach Algen riechen und unter den Füssen musste Sand knistern.

Sand musste knistern. Denn ich wollte die Grenzen der Stadt abschreiten. Die nördlichen Grenzen der Stadt definierte der Asphalt. Von der Osttangente wollte ich laufen bis zum Kreuz Wels Nord und dort dem Lauf der Innkreis-Autobahn folgen, bis die Westspange den Bogen beim Gewerbegebiet wieder schloss. Denn wenn Wels das Zentrum der Welt sein sollte, dann musste dieses Zentrum von dem Draußen auch begrenzt werden. Von drei Seiten, von drei Straßen. Im Süden lag der Fluss.

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Es war nach vier. Es gab kein Dunkel, keine Schwärze, keine Nacht. Es gab noch kein Licht, noch keinen Tag. Es gab nur Nebel. Wie an so vielen Tagen hatte sich ein Schleier aus dampfender Milch über die schlafende Stadt gelegt, hatte das Alte verschluckt und gab das Neue noch nicht preis. Der Nebel hing in den Baumwipfeln, über den Feldern, verbarg die Turmspitzen der Herz-Jesu-Kirche.

Anstatt dort zu enden, begann der Weg am Friedhof. Die Mauer entlang bis zum Grabkerzenautomat. Ein Mann trat aus dem Friedhof. Er muss verbotenerweise des Nachts hier gewesen sein. Nur flüchtig schaute er zur leeren Straße und verschwand im Dunstschleier. Ein Mann vom Gräberfeld kommend verschwand bedeutungsschwer im Nebel. Ein wahrhafter Richard-Wagner-Moment.

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Tage zuvor hatte die Kaserne, die richtigerweise an den Friedhof anschloss, einen Tag der offenen Kaserne veranstaltet. Panzer hatten dynamisch vorgeführt, was sie konnten. Für Speis und Trank war gesorgt gewesen, Militärmusik hatte bei einem Platzkonzert ihre Freunde erfreut, es war geworben worden und stolz präsentiert, auch appelliert. Nun zog Nebel durch die Stacheldrahtmaschen. Der Burger King daneben würde erst gegen neun Uhr öffnen. Die Eferdinger Straße führte am Flugplatz vorbei. Maschinen kratzten Muster in den versuppten Himmel. Chemtrails am Firmament, ein Fest für Verschwörungstheoretiker fand statt. Auf den Feldern pickten Vögel nach Körnern, Hasen schmiegten sich ans kühle Erdreich, blieben und verharrten still, wähnten sich um diese Tageszeit in Sicherheit. Weit hinten glomm ein erstes Mal eine blassgelbe Münze auf.

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Am Gewerbegebiet bogen Fahrzeuge zum Parken ein. Malerazubis im befleckten Blaumann ratterten müde auf Motorrädern Richtung Stadt. Der nördlichste Punkt des Beschreitens war erreicht. Ein Rauschen war zu erahnen, es würde anschwellen, zu einem Tosen würde es werden, je weiter der Tag voranschritt. Ezra würde niemals an diese Grenze vordringen, er mochte den Nebel nicht und das Zentrumsferne ebenso wenig.

Der Blick wendete sich gen Westen. Die Silhouetten von Höllwiesen. In die Felder gerammt dutzende Plakatwände, die für Wurst, Saunaclubs und den Songcontest warben. Viele Motive waren mehrmals aufgestellt, die Wiederholung sollte den Wiedererkennungswert steigern und das Produkt tief im Gedächtnis verankern.

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Eine Zeitlang begleitete eine Frau meinen Weg. Sie trabte in den Morgenstunden, atmete die nicht allzu kühle Luft ein, die unverbraucht erschien. Die Frau lief. Wohin lief sie? Ich fragte sie nicht. Ich folgte ihr nicht. Ich drang nicht in ihr Leben ein. Ich interessierte mich nicht für sie. Ich fand nicht heraus, wo sie wohnte. Ich wollte nichts wissen von ihrer Familie. Ihre Herkunft war ohne Belang für mich. Sie war eine Fremde. Sie blieb mir fremd, als sie in die Oberhaid abbog und wir uns niemals mehr wiedersahen.

Auch ich hätte abbiegen können. Da war eine Hauptstraße. Von ihr gingen Nebenstraßen ab. Wer hatte das festgelegt: Du bist Hauptstraße. Du bist Nebenstraße. Wer hatte geplant, dass die Stadt bis hierher reichen sollte, dass ihre Häuser am Autobahnasphalt leckten und sich willig in die Grenzen, die Wels mit der Ferne verbanden, fügten?

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Gebaut wurde, das war zu sehen. Kränge ragten bei Laahen in den Himmel, Gruben waren ausgehoben und ein großes Schild verkündete stolz, wie viele Familien hier bald leben und wie viele Senioren betreut werden würden. Ein Fahrzeug der Johanniter parkte, ein junger Mann sprang hinaus, er würde nun zu betreuen beginnen. Auf dem Feld ein Marienaltar. Die Plastiksackerl an den Laternenpfählen mit den kostenlosen Tabloids, die von Mörtellugner und seinem Spatzi berichteten, waren längst gefüllt.

Der Fußweg lief nun aus, kurz hinter der Kleingartenanlage, neben dem Grünabfall auf einem Haufen in Schwaden kompostierte und dabei würzig Zersetzung ausdünstete. Von Wispl sah ich nichts und in Wimpassing mit den ein, vielleicht zweistöckigen Wohngelegenheiten verirrte ich mich in einer Sackgasse, von der aus ich einen guten Blick aufs Meer hatte, aber nicht weiter kam.

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Nun gelangte ich an den schönsten Teil der Strecke. Und schön war ein Wort, was so gewöhnlich ist, dass es nur mit Bedacht eingesetzt werden sollte. Schön war es hier, weil hier wieder Vögel Körner aus den Feldern pickten und Hasen aus dem Grünen brach, aber langsamer, als das vor Stunden noch getan hatten. Vom Nebel hatte sich nur ein kleiner Rest noch gehalten, hier in dieser langen Senke am Westen, wo niemand war, nur ich noch und die grünen Ähren des … – so viel schöne Natur. Zu viel Natur. Es brauchte ein Gewerbegebiet, um mich zu erinnern, dass ich mich in einer Stadt befand.

Der westliche Teil der Beschreitung war erreicht. Wels West. Hier würde ich das Tosen und Rauschen hinter mir lassen. Die Grenzen waren begangen. Das Meer würde wieder eine Autobahn sein. Noch aber muss ich weiter, um zurückzukommen. Am Wimpassinger Park machte ich notgedrungen Halt, konnte ich diesen stillen, leeren Ort um diese Zeit nicht so ohneweiters übergehen. Morgentau schwappte ich meine Halbschuhe, als ich über die Wiesen hin zu den Rutschen lief und mich in die Tiefe fallen ließ.

Und als ich mich der Vogelweide näherte, standen an den Bushaltestellen schon die Werktätigen, trugen Kinder sich und Ranzen in die Schule, sensten Stadtreinigungskräfte gewissenhaft Natur weg, die hier als Unkraut betrachtet wurde. Es war nach sieben am Morgen. Ein neuer Tag begann. Aber das war schon eine nächste Geschichte.

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