1:00 | Tanzen

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Da ist Licht und da ist Bass und dieses Licht und dieser Bass ziehen ein in unsere Körper. Ein parasitärer Geist wird zeitweise in uns wohnen, sich einnisten und festsaugen und uns übernehmen, ein Eindringling, dem wir willig unsere Körper, unsere Beine, unsere Mimik, unsere Stimme, unser Empfinden und unseren Geschmack überlassen. Denn wir wissen: Dieser Eindringling wird gut für uns sorgen. Er wird uns blind machen gegenüber dem, was am Tag geschehen ist und am nächsten geschehen wird, er wird da sein für uns, für Stunden werden wir uns ihm ganz anvertrauen können.

Der Eindringling heißt Musik. Die Musik ist die Saite, die schwingt, ist der Stock, der auf das Schlagzeug tropft, ist die Rille der Vinylplatte, über die eine Nadel kratzt, sind die Tasten, Ventile und Klappen. Die Musik ist die Stimme, die in schneller Folge Worte formt und auf uns loslässt, Worte, von denen wir einige kennen und deshalb heiser rufen können.

Auf der Bühne steht eine Band und vor dem Mikrofon eine Frau. Sie improvisiert und wenn sie improvisiert, dankt sie dem Ort, an dem wir uns befinden. Dieser Ort war ein Schlachthof und ist heute ein Ort der Musik, Fugazi waren hier, Godspeed You! Black Emperor, Patti Smith, die Reihe ist lang, dreißig Jahre reicht sie zurück, vor dreißig Jahren hieß der Präsident noch Reagan und die erfolgreichste Serie war die Schwarzwaldklinik. Und sind wir hier, sind diese dreißig Jahre mit uns, die Lieder und Momente, wir tauchen ein in die Geschichten und füllen die Umrisse mit neuen Bewegungen aus.

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Die Band geht von der Bühne. Wir holen Bier und verteilen es an die Umstehenden. Wir strömen hinaus, so wie alle in diesem Moment hinausströmen und ergießen uns in den Hof. Tschickqualm steigt auf, gesprochen wird, was im Konzert nicht möglich war. Aber jetzt sind wir hier. Und jetzt treibt es uns wieder hinein. Eine weitere Runde, am Merchandising vorbei, zur Bar wollen wir, in den ersten Stock, wo für uns gekocht wird, würzige Tomatensuppe oder Metal-Geschnetzeltes von Sonja. Vor allem aber wollen wir zurück vor die Bühne. Denn vor der Bühne werden wir sein. Und wir werden tanzen.

Es gibt zu wenige Orte in dieser Stadt, an denen wir die Kontrolle verlieren können. Aber es gibt diese Orte. Und im richtigen Momente kann jeder Ort ein solcher werden. Wir tanzen in der Stadthalle zum Maturaball, drehen uns auf einer Gala in einem Hotel, schranzen in einer Großraumdisko im Industriegebiet, springen hier im Schlachthof, schlenkern in einem unbeobachteten Moment in einem Kaffeehaus die Arme und wenn an der Ampel das Eurodance-Autoradio angeht, wippt der Fuß.

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Wir wissen: Wenn wir nur eine Minute Zweifel hegen am Tanzen, werden wir den Tanz verlieren. Kopfschüttelnd werden wir daneben stehen und nicht verstehen, was den Tanzenden neben uns geschieht. Es wird uns albern vorkommen. Eine spannt einen imaginären Bogen. Einer geht in die Hocke. Eine dreht große Runden und reibt dabei die Hände auf Brusthöhe gegeneinander. Einer stampft im sturen eins eins auf den Boden. Eine springt. Einer hüpft. Eine schert sich nicht um den Rhythmus und tanzt ein Lied nach, was sie vor vielen Jahren gehört haben muss. Einer tanzt in der Ecke. Zwei tanzen als Paar. Drei tanzen im Wechsel. Vier fassen sich bei den Schultern. Das Glitzerzungenmädchen schließt die Augen und schwankt und fällt allein.

Wir tanzen, um für eine Nacht, für wenige Stunden, Sekunden nur glauben zu können, wir wären ohne Zwänge. Wir wären ohne Gewicht und nicht von Belang, wären nicht festgezurrt und eingelegt, angeschnallt und abgesperrt, formatiert und optimiert, eingeloggt und registriert. Wir würden keine Kundenkarten brauchen und keinen Hauptwohnsitz und unser Steuerberater wäre der unwichtigste Mensch auf der Welt und shopping wäre ein hässliches englisches Wort und keine Sehnsucht und die Rentenkasse wäre uns egal, die fallenden Zinsen und steigenden Meere, dass der Käse im Kühlschrank verschimmelt und überhaupt das meiste nicht ist, wie es sein könnte.

Das werden wir vergessen können. Wir werden vergessen, dass wir dem Tode geweiht sind*, weshalb wir uns tierhaft bewegen und in Tiere verwandeln, wenn wir an den nächsten Schritt denken, den nächsten Hüftschwung, die nächste Handbewegung. Und nicht mal das werden wir denken, weil wir nicht denken werden. Wir werden primitiv sein. Wir werden tanzen.

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Wir tanzen allein und sind doch alle. Was auf dem Tanzboden passiert, bleibt auf dem Tanzboden. Die kleinen, geheimen Geschichten, die uns hier passieren, die getauschten Blicke, die stillschweigenden Vereinbarungen, das Verstehen, das manchmal nur einen Achtelschlag lang währt, wird am nächsten Morgen, wenn wir uns wiedersehen, keine Bedeutung mehr haben. Wir werden uns nicht erinnern, wir werden versteckt haben, was uns geschah. Nur eine Ahnung wird eine Sekunde lang aufflammen:

Da war eine Nacht und da war Licht und da war Bass und wir waren Teil davon.

Und wenn wir schließlich durch die Stadt gleiten, die sich nichts ahnend von unserem Tanz in Sicherheit wähnt, sind wir allein unterwegs oder zu zweit oder in kleinen Gruppen, aber niemals in der Gruppe, der wir uns auf dem Tanzboden zugehörig gefühlt haben. Aus dem Café Piccolo Musik, »Die Liebe ist ein seltsames Spiel«, es wird gelacht, kleine Lichter zucken, Körper bewegen sich, mehr schwankend als gerichtet. Schatten vielleicht, aber sie tanzen, manche in dieser Stadt tanzen und es wird diese Nacht so sein und die nächste wieder und es sollte so sein, in den Tagen danach und den Jahren, dieses flüchtige, verheißungsvolle, notwendige Tanzen.

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* Vgl. Michel Houellebecq »Die Welt als Supermarkt«, Essay »Die Feier«.

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