07:00 | Noitzmühle

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Wenn du und ich über Wels reden, reden wir am Ende immer über Politik. Wenn wir über Politik in Wels reden, reden wir am Ende immer über Integration. Wenn wir über Integration reden, reden wir am Ende immer über Noitzmühle. Und weil das so ist, ist auch klar, dass ich nach Noitzmühle muss, wenn ich über Wels schreiben will. Und weil das so ist, kann ich nicht einfach so dahin gehen und irgendwie darüber schreiben.

Jeder hat eine politische Meinung. Auch ich. Ich frage mich, ob die wichtig ist für den Text. Ob der Text sich nicht mit allen Kräften dagegen wehren sollte, von einer politischen Meinung vereinnahmt zu werden, selbst wenn es meine eigene ist. Denn sofort gleicht jeder die Meinung im Text mit der eigenen Meinung ab und ist augenblicklich dabei, Argumente dafür oder dagegen zu finden und vergisst darüber den Text.

Wieder stellt sich die Frage, welche Rolle ich denn als Stadtschreiber einnehmen soll. Ich will ja nicht mahnen, nicht appellieren, nicht erziehen, niemand vom Wahren und Gerechtem überzeugen und niemand beschützen. Ich will keine Mission haben. Die guten Absichten will ich vergessen und mit dem Rad in ein Stadtviertel nahe der Traun fahren und versuchen zu sehen, was dieses Viertel ist.

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Einmal haben sie gedacht, an diesem Ort sollten Menschen leben. Also haben sie Häuser bauen lassen. Platz war vorhanden, aber sie haben in den Himmel gebaut, weil sie dachten, so sollen die Menschen wohnen. Sie hatten Vorstellungen, wie dieses Wohnen aussehen sollte und sie kalkulierten und jemand entwarf einen Plan und Arbeiter kamen und Kräne hievten Betonplatten in die Luft und Elektrotechniker verlegten Kabel und Klempner Rohre und Maler strichen Wände. Eines Tages zogen Menschen in diese leeren Räume und begannen zu leben. Ein erstaunlicher Vorgang. Man begann zu leben, weil das so vorgesehen war. In den Treppenhäusern nun das Schnaufen der Treppensteigenden, in den Stockwerken alltägliche Geschehnisse, in den Wohnungen das Aufwachsen von Kindern.

Von außen geben die hohen Häuser diese Leben nicht preis. Ich kann nur vermuten. Zwar sind hinter den Fenstern Vorgänge zu erahnen – Schatten huschen vorbei, Hände ziehen an Vorhängen, Gesichter tauchen auf, Wortfetzen sind zu hören, Topfpflanzen werden gegossen –, aber sicher kann ich nicht sein.

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Erst wenn die Bewohner das Haus verlassen, wird die Vorstellung zu einer Beobachtung. Tragen sie Arbeitsbekleidung? Falls ja, welche? Sind es Mütter, die ihre Kinder zur Haltestelle bringen? Väter? Gehen die Kinder allein? Gehen sie in Gruppen? Rennen sie, trotten sie, schotten sie sich ab? An den Gesichtern lässt sich nichts ablesen, denn Gesichter am zu frühen Morgen sind überall die Gleichen.

Bald sind die Bewohner verschwunden. Sieben Uhr am Morgen hält sich niemand lange draußen in Noitzmühle auf. Man verlässt Noitzmühle. In Richtung der Stadt, der Schulen, der Arbeitsstellen. Das alles geschieht im besten Fall. Wer nirgendwohin muss, hat sieben Uhr die eigenen vier Wände nicht verlassen. Dann gibt es keinen Wecker, kein Pausenbrot, keinen geliebten Menschen. Doch das sind andere Geschichten.

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Es bereitet mir Sorge. Wie dünn ist eine Wand? Nicht dick, vermute ich, nicht mal einen unterarmlang ist die Schicht, die drinnen von draußen trennt und damit das Leben der Menschen vor meinem Blick schützt, aus dem ich Rückschlüsse ziehe und diese in Worte wandle und anderen zur Verfügung stelle, die sich daraus wiederum das nehmen, was für sie von Bedeutung sein soll.

So entstehen Missverständnisse, viele sind gewollt. Man sieht hier und anderswo auch, was er und sie sehen will. Bilder sind im Umlauf, Urteile werden gefällt und Konsequenzen gefordert, weil Geschichten und Vorstellungen zirkulieren, oft erzählt von Menschen, die nicht hier waren und schon gar nicht hinter den Wänden gewohnt haben, hinter den Türen, in den Zimmern, an den Abenden, an den Mittagstischen, in den Kinderzimmern, die niemals auf die Familienfotos geblickt haben und somit sehen konnten: Das sind Familien, das sind Väter und Mütter, Söhne und Töchter, Schwestern und Brüder, Großeltern und Tanten.

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Mein Blick geht über die gestrichenen Balkone, manche gelb, manche blau. Ich sehe die Satellitenschüsseln und habe nicht die geringste Ahnung, welche von hunderten Kanälen damit geschaut werden. Ich sehe die Verbotsschilder (Zutritt verboten! Betreten verboten! Fußballspielen verboten! Ballspiele jeglicher Art verboten! Privatgrund!) Sehe die schweren Teppiche, die über Geländer gehängt in der Sonne trocknen sollen. Sehe den hübschen, neu anmutenden Spielplatz, den an vielen Stellen gemähten Rasen.

Hier stößt mein Plan an Grenzen. Ja, ich bin an einem Ort der Stadt und ich betrachte ihn auch, ich setze mich aus und sauge ein. Aber genügt das? Eine Stunde stelle ich gegen alle anderen möglichen Stunden. Ist typisch, was gerade geschieht oder ist es Ausnahme? Wie viel von etwas muss geschehen, damit es typisch wird? Und wer entscheidet über die Mengen?

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Ich sehe die Kinder mit ihren schweren Ranzen. Manche sind in Gruppen, andere stehen einzeln. Alle Kinder, so jung sie auch sind, werden diesen Ort besser kennen als ich. Er ist ja ihre Welt. Vielleicht nehmen sie an, dass er die Welt wäre. Der Rasen, der Spielplatz, der Beton, die Verbotsschilder, die Wäscheleinen, die Enten, die faul und platt am Morgen auf den Wiesen liegen, das alles muss ihnen selbstverständlich sein. Für die Widersprüche, das Absurde, das Falsche, das Richtige werden sie noch keine passenden Worte haben. Aber sie werden das Unsagbare fühlen.

Wünsche und Bedürfnisse und Hoffnungen verändern sich. Es verändert sich die Vorstellung vom guten Leben, die auch immer das Wohnen betrifft. Ansprüche entstehen und andere Umrisse für die Existenz müssen gefunden werden, größer die Küchen und weiter die Flure und weniger die Treppenstufen. Viele ziehen weg und viele kommen hinzu und mit ihnen andere Erwartungen und andere Geschehnisse. Neue Geschichten zirkulieren und trotziger Stolz spricht aus den Tags an den Wänden der geschlossenen Jugendzentren, ein Versuch, das, was einen umgibt, zu begreifen und irgendwie anzunehmen.

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4 Gedanken zu “07:00 | Noitzmühle

  1. Wunderschöne Schreibe. An diesem Ort, der „Notizmühle“ würde ich auch manchmal gerne sein :)
    Hat nicht jeder eine Notizmühle?:)

    Ganz toll geschrieben, finde ich super.

    Liebe Grüße
    Jeyare Key

    Gefällt mir

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