3:00 | Reinberg

rheinberg nacht (2 of 2)

Vor mir finden chemische Vorgänge statt. Luciferase setzt Luciferin um. Das geschieht in tierischen Zellen. Licht entsteht, wie es sonst nirgendwo entsteht. Keine Phosphoreszenz, keine Fluoreszenz, kein äußeres Bestrahlen. Leuchtzellen, über einen flatternden Körper verteilt und mit einer Salzkristallschicht abgeschirmt, geben biolumineszentes Licht nach außen.

Anders gesagt: Vor mir kreist ein Glühkäfer. Es ist eines dieser Geschöpfe, bei denen man denkt: Wäre die Evolution eine Person, würde man ihr dafür anerkennend auf die Schultern klopfen.

Zauberhaft also der Moment mit dem zappelnden Licht im Dunkel. Das Glühwürmchenglühen leitet mich einen Berg hinauf. Es ist der Reinberg. Weit davon entfernt, alpin zu sein, aber eine deutliche Erhebung im Land. Serpentinenähnliche Pfade führen hinauf. Zweige hängen über den Weg, der Boden ist leidlich trocken, gefährliche Weltkriegsstollen laufen tief ins Gestein.

Über dem Gipfel erhebt sich eine Warte. Der Berg bietet einen Fitnessweg an. Ich soll springen und rennen und die Arme kreisen lassen. Die Absicht ist gut, der Berg sorgt sich um meine Gesundheit.

rheinberg 2 -13

Nach vielen Schritten erreiche ich die Stelle, die ich suche: Laub lichtet sich und Bäume geben den Blick frei auf die Stadt. Ich bleibe stehen. Deshalb bin ich hier. Von hier will ich auf die Stadt schauen.

Das Paradoxe dabei: Ich bin in Wels und schaue doch von der Ferne aus darauf. Eine Metapher möglicherweise für die Zeit meines Aufenthalts, aber vielmehr eine kuriose Territorialentscheidung.

Denn jenseits der Traun liegt Thalheim. Ein Teil Thalheims war kurze Zeit Teil der Stadt und entzog sich danach, anders als die Vogelweide oder Lichtenegg, Wels wieder. Ein Teil des Reinbergs aber, einst im Besitz des Verschönerungsvereins, wurde auf verschlungenen Wegen Welser Grund.

Und auf diesem verschönerten Grund stehe ich nun und blicke hinab auf die Stadt. Ich bin erschüttert. Das also ist Wels im Ganzen. All die Wohnhäuser und industriellen Anlagen, all die Stellen des öffentlichen Lebens und gewidmeten Liegenschaften, all die Grünanlagen und Transportwege. Nahezu jede Fläche ist erschlossen, kategorisiert und dient einem bestimmten Zweck.

Man hat eigene vier Wände oder hackelt im Büro oder stellt aus oder verkauft oder skatet oder hilft oder plant oder baut auf oder ab. Aber alles ist an einem Platz. Für jeden Platz ein Zweck. Es hat sich über viele Jahrhunderte hinweg ergeben. Hunderttausende Welserinnen trugen dazu bei, dass jeder Ort in der Stadt einen Zweck erfüllt.

rheinberg 2 -14

Es ist erstaunlich, dass sich alles gefunden hat. Das war einmal Erde, Wald und Fluss gewesen. Und dann kamen Menschen und siedelten sich hier an und heute steht da eine Stadt. Und in dieser Stadt geschieht etwas, ständig ist etwas und es ist furchtbar und voller Abgründe und es glänzt und strahlt und findet sich überall und ist besonders. Immerzu ist es da. Klein von außen und gewaltig, wenn man hier lebt. All die Verästelungen, die sich durch die Zeit hin ergeben haben, ein schauriges Wunder.

Über jedem Dach schwebt ein Fragezeichen. Sechzigtausend Geschichten wären zu erzählen. Ginge ich jeden Tag zu zehn Menschen und sähe ihnen jeweils eine Stunde beim Leben zu, bräuchte es allein siebzehn Jahre, von den Geschichten zu erfahren. Erzählt wären sie so noch lange nicht.

rheinberg 2 -15

Die Geräusche des Tages sammeln sich. Ein letztes Mal treten sie zusammen und hörbar ist, was die Stadt am Tag gewesen ist. Avantgardistische Flötenklänge in einem Pavillon. Das schmatzende Öffnen von Bustüren am KJ-Platz. Das Heulen eines getunten Autos, das durch den Ledererturm rast. Wasser vom Reisig der Gradieranlage tropfend. Das Quietschen eines Kranes am Terminal. Glockenschläge über dem Flotzingerplatz. Das Flattern eines sich öffnenden Fallschirms über dem Flugplatz. Das Geräusch, mit dem ein Stempel auf ein Formular im Magistrat rauscht. Pfauenkreischen am Messegelände. Ein Ball, der in der Minigolfanlage beim Gericht eingelocht wird. Hollersaft, der in einem Glas schwappt. Diese Geräusche und all die ungenannten blitzen einen Moment lang auf und verglühen dann, schaffen so Platz für Neues.

Ein letztes Mal nehme ich den Fotoapparat zur Hand. Ich wähle eine Perspektive, die möglichst viel von der Umgebung erfasst. Ich stelle scharf und drücke ab. Eine Stunde lang drücke ich ab. Doch auf jedem einzelnen Bild verschwimmen die Lichter. Sie zucken durch die lilafarbene Nacht, legen sich über Details, zerstören das Abbild der Stadt. Genaues ist nicht zu erkennen. Mir ist es unmöglich festzuhalten, was ich gesehen habe. Wer verstehen will, muss drei Uhr nachts mit mir auf den Reinberg gehen.

Wer macht das schon?

rheinberg 2 -12

Ein Geräusch ist zu hören, das hässliche Hecheln eines gewöhnlichen Hundes, wie ich vermute. Ich vermute falsch. Kein Hund. Ein Körper schiebt sich aus dem Dunkel. Er hat meine Umrisse. Ich kenne ihn und doch ist er mir noch immer fremd. Eine Stimme flüstert. Sie will wissen, was ich erfahren habe. Was ich sagen kann über die Stadt, in der ich stehe und auf die ich blicke.

Ich zeige Ezra die Fotos, die ich in der letzten Stunde gemacht habe. Die Speicherkarte ist voll von unkenntlichen Versuchen. Wie sich dennoch Gedanken finden, wie sie sich in Worte kleiden und wie die Worte nach außen drängen, stößt etwas hart gegen mich und der Stoß ist ebenso unbarmherzig wie wohlkalkuliert und ich bin wenig vorbereitet auf die überraschende Schwerkraft, als ich stolpere und den Halt verliere und hinabstürze, den Reinberg hinab, als es mich auslöscht und Ezra mit erhobenem Haupt mein Fallen zur Kenntnis nimmt, weil er weiß, dass nur der von uns die Stadt beschreiben kann, der auch bereit ist zu gehen und er es nicht sein wird, denn er wird bleiben und zu einer dieser sechzigtausend Geschichten werden, während ich verschwinde, während ein biolumineszentes Leuchten meinen Abgang begleitet, ein Glühkäferglühen ist, was drei Uhr in der Nacht von all den möglichen Worten bleibt.

rheinberg 2a (2 of 2)

 

 

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